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Michael Clayton

USA 2007. R,B: Tony Gilroy. K: Robert Elswit. S: John Gilroy. M: James Newton Howard. P: Castle Rock, Samuels Media u.a. D: George Clooney, Tom Wilkinson, Tilda Swinton u.a.
120 Min. Constantin ab 28.2.08

I Fought The Law

Von Daniel Bickermann Beinahe unbemerkt feierte der Beamtenthriller in den letzten Jahren ein fulminantes Comeback. Filme wie Syriana, Von Löwen und Lämmern und Machtlos zeigen Regierungsbehörden und Wirtschaftsunternehmen in erster Linie als bürokratische Räderwerke, die mit gnadenloser Präzision ihre eigenen Kleinteile zermahlen, sollten diese aus der Fassung springen. Inhaltliche Paranoia und inszenatorische Nüchternheit erinnern dabei nicht zufällig an die corporate thrillers der Watergate-Jahre wie The Conversation oder All the President’s Men: Unter einer betrugsverdächtigen Regierung wächst die Angst vor dem Rechteverlust im Alltag, im Beruf und im Privatleben. Der Schaden an Menschenleben, Bürgerrechten und jeglichem Obrigkeitsvertrauen, der selbst im Fall des Überlebens die weitere Existenz der Protagonisten schwer erschüttert, stellt dabei den Kontrast zu den gelackten und individualitätsgläubigen Anwaltskrimis etwa eines John Grishams dar, wie sie in den Zwischenjahrzehnten modisch waren.

So aufgeladen ist das derzeitige politische Klima, daß Bourne-Autor Tony Gilroy ein vager und kaum auserzählter Umweltskandal im Story-Hintergrund genügt, um seine Protagonisten in die Nadelstreifenparanoia zu treiben: Ein exzentrischer Firmenanwalt (überraschend ambivalent: Tom Wilkinson) entwickelt sich vom skrupellosen Saulus zum wahrheitsgeifernden Narren; die überforderte Vorstandsvorsitzende (wer anders als die überwältigende Tilda Swinton?) drückt panisch auf alle Knöpfe gleichzeitig und hat prompt das Firmenkillerkommando bei Fuß; und dann ist da noch Michael Clayton, der Niemand, der unscheinbar vor sich hindümpelnde Ausputzer-Anwalt, der im falschen Moment aus der Fassung gerät und sich auf den Weg durch die Mahlmaschinen der institutionalisierten Apparate begibt. George Clooney spielt diese Laus im Firmenpelz mit unbestechlicher Unscheinbarkeit, als graumelierte Mischung aus Jack Lemmons Lebensverlierern und James Stewarts anstandsgeleiteten Lebensklugscheißern.

Ebenso unauffällig wie sein Protagonist gräbt sich dieser kleine Thriller ins Bewußtsein seiner Zuschauer. Es ist bezeichnend, daß Michael Clayton im US-Herbst ohne große Fanfaren kam und wieder verschwand – aber nach einigen Monaten plötzlich auf praktisch allen Jahresbestenlisten auftauchte und ein überraschender Oscar-Kandidat wurde. Der Film fühlt sich unspektakulär an, aber gerade die allzu emotionslos inszenierten Momente der organisierten Gewalt kommen nach Monaten immer wieder ins Gedächtnis zurück. Michael Clayton wirkt lange nach.

Neben Drehbuch und Regie von Tony Gilroy sowie dem stilsicheren, nüchternen Schnitt seines Bruders John geben vor allem die Section 8-Produzentin Jennifer Fox und Altproduzent Sydney Pollack, der als Regisseur mit Drei Tage des Condor, Die Firma und Die Dolmetscherin den Angestelltenthriller zu alter wie neuer Blüte führte, die Stimmung vor: Das Geschäft steht im Mittelpunkt, man rottet sich anzugtragend unter Neonröhren zusammen, auf Fragen nach dem Privatleben reagiert man aggressiv. Genau hier ist die beinahe romantische Überlebenskunst des Protagonisten zu suchen: Gerettet wird er zum einen durch einen Rest familiären Miteinanders, zum anderen durch ein karges Stück Wiese mit grasendem Pferd am Wegesrand – auf den ersten Blick eine graue Szenerie, unscheinbar und nicht gerade vielversprechend; bei genauerem Hinsehen von trauriger Würde. Nur einer wie Michael Clayton würde an so einem Ort anhalten und staunend aus dem anonymen Firmenwagen steigen. Es ist die erste Szene des Films. Das gerade verlassene Auto explodiert. Ein Räderwerk setzt sich in Bewegung, eine Geschichte kann beginnen. 2008-02-25 13:45

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