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Der lange Weg ans Licht

D 2006. R,B: Douglas Wolfsperger. K: Igor Luther, Ute Freund. S: Jean-Marc Lesguillons. M: Gerd Baumann. P: Douglas Wolfsperger Filmproduktion.
100 Min. Farbfilm ab 28.2.08

Ein Schwabe in Dunkeldeutschland

Von Christian Lailach Daß Wolfsperger als Dokumentarfilmer vor gerade einmal sechs Jahren erstmalig den Weg in die – zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr ganz so neuen – Neuen Bundesländer gefunden hat, mag den Satz, mit dem Der lange Weg ans Licht beginnt, entschuldigen: »Meerane ist ein Ort in Ostdeutschland.«

Das Portrait einer Frau, die aufgrund ihrer Kirchennähe und der damit einhergehenden Systemferne einst nicht zum Medizinstudium zugelassen wurde, über Umwege im Rahmen eines Hilfsprojekts als Hebamme nach Tansania kam und vom gesellschaftlichen Umbruch tausende Kilometer entfernt beim Frühstück erfuhr, mag tatsächlich dokumentierenswert sein. So offenbaren die Szenen in Edeltraud Hertels Garten, Auto und Praxis ein politisch-gesellschaftliches Unrecht, das vielen Menschen in ähnlicher Weise widerfahren ist; über dessen Existenz sich jedoch vergleichsweise wenige Menschen bewußt sind. Genau dieses Unrecht – und dies ist das eigentlich Tragikomische – verhalf Edeltraud Hertel zu einem das Unrechtssystem selbst überdauernden, scheinbar glücklichen und erfüllten Leben.

Bis zu diesem Punkt befinden wir uns tatsächlich in Ostdeutschland, doch der ganzen Philosophie, dem Ob, Wie, Wenn und Was kommt Wolfsperger leider nicht näher; stattdessen sitzen da wildfremde, werdende und auch nicht werdenden Väter vor sich hin sächselnd auf dem Gang, zwei Ärzte schlendern, die Sicherheit einer Krankenhausgeburt herausstellend, abwechselnd durch ihren hochmodernen Entbindungsneubau und den blühenden Park, während zwei junge Hebammen in den Geburtsseilen ihrer Kellerpraxis hängend die Alternative zu repräsentieren suchen.

Aber noch nicht genug des Boulevardesken! So besucht Wolfsperger den Meeraner Fotografen, der den Fastmüttern und Fastvätern mit lock'ren Sprüschn d' Scheu vor d'r Kammora nehm' tut und findet irgendwie noch diesen Uhrmacher, den Sohn einer Hebamme, der einst nicht bei der Geburt seiner Söhne zugegen war und Fotos der Marke »Wenn Mutti früh zur Arbeit geht« präsentiert. Hier hakt plötzlich alles: Es findet sich, außer der familiären, nicht einmal eine Verbindung zwischen Uhrmacher, Mutter Hebamme und der Geburt seiner Söhne; von einer zu Edeltraud Hertel, einem der anderen Charaktere oder gar zum eigentlichen Thema ganz zu schweigen. Wieso der Uhrmacher dazu noch die ganze – »Kuckuck!« – Zeit in seinem – »Kuckuck!« – Uhrenladen – »Ding-dong!« – sitzt, die Fotos und Ausweise der Mutter dann hingegen agentiös inszeniert im Café am Marktplatz präsentiert, bleibt im Verborgenen.

Der lange Weg ans Licht kippt damit ins Diffamierende. Kürzer, straffer, klarer, entspannter! mag man Wolfsperger bereits am Set zugerufen haben. Ein 70-Minüter hat doch per se keine Erektionsprobleme! Aber das offensichtliche Ziel war ein »richtiger« Kinofilm, für den Wolfsperger scheinbar jeden Meeraner, der auch nur im Entferntesten das Thema Entbindung streifte, vor die Kamera zerren muß.

In den letzten Minuten sehen wir das, was uns so lang verwehrt wurde: Edeltraud Hertel in Tansania, nicht auf einen Berg drapiert, sondern in Aktion. Sie berichtet einen kleinen Bruchteil der 102 Minuten von der Geburtssituation in Zentralafrika, ihrer Arbeit und lebt die Überzeugung mit der sie den Menschen dort europäische Zustände näher bringen mag. 2008-02-25 13:44

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