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I'm Not There

USA/D 2007. R,B: Todd Haynes. B: Oren Moverman. K: Edward Lachman. S: Jay Rabinowitz. M: Randall Poster, Jim Dunbar. P: Endgame Entertainment, Killer Films u.a. D: Christian Bale, Cate Blanchett, Marcus Carl Franklin, Richard Gere, Heath Ledger, Ben Whishaw, Charlotte Gainsbourg u.a.
136 Min. Tobis ab 28.2.08

Erschaffe niemals etwas

Von Christian Lailach Schwarz-Weiß, Farbe. Zukunft, Vergangenheit. Ein Junge. Ein Angeklagter. Ein Star. Ein Frauenschwarm. Ein Prediger. Ein Hippie. – Dir wird ein wenig schwindelig, willst du all den Charakteren folgen. Doch nach einer Weile findest du dich in dieser Installation zurecht, weißt Franklin, Wishaw, Blanchett, Ledger, Bale und Gere zeitlich wie räumlich einzuordnen und kannst dich dem Film als solchem widmen.

Kaum jemand, der sich nicht konkret mit dem Leben Bob Dylans auseinandergesetzt hat, hat all seine Identitäten erfahren können. Selbst den Fans, die er heute begeistert und morgen verstoßen hatte, um sie übermorgen wieder zu begeistern, war ein Zugang zu dem ganzen Dylan im Grunde verwehrt. Haynes versucht mit I'm Not There in teils kruden wie filigranen Bildern dem wahren Dylans gerecht zu werden. Dazu bedient es sich eines Experiments, besetzt die Facetten des Dylan mit unterschiedlichen Darstellern. I'm Not There kann erst damit von seinen Dylans leben, weil jeder einzelne seinen eigenen, ganz speziellen Dylan zu spielen hat. Auf den ersten Blick erscheint dies logisch; und auch beim zweiten bis sechsten wird es nicht unlogischer. Kein Durcheinander; nicht jetzt mal Alkoholiker, dann Priester. Beinahe scheint es, die unterschiedlichen Charaktere wären sich nie begegnet, spielten den einzigen, wahren Bob Dylan, als ob der eine Dylan vom anderen nix wüßte.

Haynes versucht mit I'm Not There das Leben eines bis dato nicht wenig dokumentierten Bob Dylan neu zu ordnen. Er will an das Innerste, den einzigen, multiplen Kern eines Menschen vordringen, wie es sicher keinen Vergleichbaren gibt. Bob Dylan hat eine Gesellschaft temporär derart beherrscht und auch geprägt, daß er gewissermaßen als Gegenbewegung ein ebenso ausgeprägtes Desinteresse hervorgerufen hat. Haynes wagt sich in einer Zeit der »Spears and Bushs« an einen allmählich aussterbenden Charakter; einen Charakter, der in einer Zeit des Aufbrechens und Umbrechens das Amerika der Staaten in seiner Widerspenstigkeit und Vielschichtigkeit nur selten schlecht verkörpert hat.

I'm Not There ist demnach kein Biopic im eigentlichen Sinne. Es ist vielmehr ein bunter, sprühender, irritierender Film über einen Typus Mensch, den in einer immer geformteren Gesellschaft bald keiner mehr kennt. Er wird daher die Dylan-Fans ebenso wenig wie die Desinteressierten begeistern können. Bei all denen, denen Dylan jedoch mal egal, mal gar nicht so recht bekannt war, bei all denen wird Haynes hingegen gute Chancen haben. 2008-02-25 13:45
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