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Sweeney Todd – Der teuflische Barbier aus der Fleet Street

USA 2007. R: Tim Burton. B: John Logan. K: Dante Spinotti, Dariusz Wolski. S: Chris Lebenzon. M: Stephen Sondheim. P: Warner Bros., Dream Works Pictures. D: Johnny Depp, Helena Bonham Carter, Alan Rickman u.a.
116 Min. Warner ab 21.2.08

Brille: Fielmann?

Von Patrick Hilpisch Daß Tim Burton der perfekte Mann für die Verfilmung von Stephen Sondheims blutigem Kult-Musical »Sweeney Todd« war, daran besteht eigentlich kein Zweifel. Sujet, Setting und Charaktere des mit dem Tony Award ausgezeichneten Bühnenstückes fügen sich fast nahtlos in Burtons exzentrisches Filmuniversum ein. Ein zu Unrecht verurteilter Barbier setzt zu einem verbitterten Rachefeldzug an, der nicht nur zweifelhafte kulinarische Blüten trägt, sondern ihn am Ende zu einem höchst tragischen Helden werden läßt. Schräge Typen – Sacha Baron Cohen brilliert als Möchtegern-Star-Coiffeur Pirelli – bieten genügend Raum für eine ordentliche Portion schwarzen Humors. Und das alles spielt sich ab im London des 18. Jahrhunderts. Eine wahre Fundgrube also für den Visionär mit der Affinität zum Morbiden.

Tatsächlich ist Sweeney Todd genau das, was man sich unter »Burton meets Sondheim« vorstellt. Sondheims Musik ist eine Klasse für sich. Die Nebenrollen sind mit Alan Rickman und Timothy Spall gewohnt hochkarätig besetzt, und mit Johnny Depp und Helena Bonham-Carter hat der Film zwei alte »Burton-Hasen« an Bord. Der Umgang mit Bildsprache und Farbdramaturgie ist wie immer souverän. Ausstattung und Kamera könnten burtontypischer nicht sein. Und genau das ist der Haken am »neuen Burton«. Der Film kann nicht wirklich überraschen.

Immer wieder hat Burton Stoffe verfilmt, die fest verankert sind im (pop-) kulturellen Gedächtnis Amerikas – seien es Washington Irvings Sleepy Hollow, die Batman-Comics von Bob Kane oder Roald Dahls Charlie und die Schokoladenfabrik. Immer wieder hat er das Kunststück vollbracht, diese mächtigen und bildgewaltigen Geschichten nicht nur adäquat umzusetzen, sondern ihnen seinen eigenen Stempel aufzudrücken, ohne sie dabei zu erdrücken. Er hat die Figuren und Stimmungen der Vorlagen filmisch »wahr« werden lassen und jeweils auf unnachahmliche Weise einen Kern herausgeschält, der auf diese Art vielleicht nur mit der »Burton-Brille« zu sehen war. Dies machte seine Adaptionen fast immer zu etwas Besonderem. Natürlich gibt es da auch die berühmten Ausnahmen von der Regel. Die kommen bei Burton im Affenkostüm daher – oder wie hier mit einem bluttriefenden Rasiermesser.

Sweeney Todd ist ohne Frage ein guter Film, der sich qualitativ von einer Vielzahl von aktuellen Produktionen absetzt. Er trägt zweifellos die markante Handschrift seines Regisseurs. Hundert Prozent Burton ist er jedoch nicht. Das mag daran liegen, daß es von Beginn an ein erklärtes Ziel des Produktionsteams war, der Vorlage möglichst treu zu bleiben. Alleine der zwangsläufige Rückgriff auf die meisten handlungstragenden Songs dürfte da die burtontypische »Kernforschung« erschwert haben. Natürlich wurde der dreistündige Musical-Plot für die Leinwand gerafft. Dadurch rückte das Schicksal des kehleschlitzenden Protagonisten mehr in den Mittelpunkt. Doch dem konnte oder wollte der Regisseur keinen burtonesken Mehrwert abgewinnen. Ob aus Rücksicht auf die Fans der Musical-Vorlage oder weil er während der Produktion des Films die typische »Burton-Brille« mit einer von Fielmann getauscht hat, das bleibt sein Geheimnis. 2008-02-20 10:57
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