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Helden der Nacht

We Own the Night. USA 2007. R,B: James Gray. K: Joaquin Baca-Asay. S: John Axelrad. M: Wojciech Kilar. P: 2929 Productions, Industry Entertainment. D: Joaquin Phoenix, Mark Wahlberg, Robert Duvall, Eva Mendes u.a.
117 Min. Universal ab 21.2.08

Alles für die Familie

Von Martin Holtz Helden der Nacht wirkt ab Beginn des Vorspanns so, als hätte man all das schon mal gesehen. Gerade im Cop- und Gangsterfilm ist es aber auch schwierig, originell zu sein, wenn man bedenkt, wie attraktiv das Genre für talentierte Jungregisseure ist. Neben Hawks, Kubrick, Scorsese, Friedkin, Coppola und Tarantino gehört auch James Gray in diese Liste. Mit seinem Debütfilm Little Odessa konnte der New Yorker 1994 unter anderem den Silbernen Löwen in Venedig und jede Menge Kritikerlob gewinnen. In seinem dritten Film bleibt sich der Regisseur treu und übernimmt, wie üblich für den Gangsterfilm biographisch angehaucht, das Milieu russischer Einwanderer, das Motiv des Bruderkonflikts sowie die beiden Hauptdarsteller seines zweiten Films The Yards (2000), Joaquin Phoenix und Mark Wahlberg.

Bruderkonflikte haben im Gangsterfilm Tradition. In Chicago – Engel mit schmutzigen Gesichtern dient das Kain-und-Abel-Motiv dazu, die Beliebigkeit sozialer Mechanismen aufzuzeigen, die dem einen Bruder eine Gangster-, dem anderen eine Priesterkarriere bescheren. Auf verschiedenen Seiten des Gesetzes einen die Brüder jedoch Familiensinn und moralische Überzeugungen.

Diese zwei Qualitäten sind Bobby Green abhanden gekommen. Als Diskobetreiber im Brooklyn der späten 1980er Jahre schaut er gerne mal in die andere Richtung, wenn in seinem Club ein Drogenbaron Geschäftsbeziehungen knüpft. Während sein Vater Burt Grusinsky und Bruder Joseph erfolgreiche Polizistenkarrieren verfolgen, getreu dem Motto »Work first, play later«, genießt Bobby das Leben in vollen Zügen. Hier greift der Film Motive aus French Connection auf, wenn die langweilige und triste »Betriebsfeier« der Polizisten (in einer Kirche!) mit dem pulsierenden, bunten Treiben in Bobbys Diskotempel kontrastiert wird. Das Leben als Cop ist halt entbehrungsreich.

Die Freunde, die Bobby um sich schart, funktionieren wie eine Ersatzfamilie. Da ist die Vaterfigur, der verständnisvolle Boß von Bobby, ein russischer Einwanderer samt seiner lebensfrohen Familie, und die puertoricanische Geliebte, gespielt mit sinnlicher Erotik und aufrichtiger Emotionalität von Eva Mendes. Diese multikulturelle Partygesellschaft hat ein bißchen was von Bonnies und Clydes Gangsterbande: eine sympathische, gegenkulturelle Sturm-und-Drang-Kommune, in der Gefühl und Genuß über Verstand und Beherrschung triumphieren. Nur leider befinden sie sich auf der falschen Seite des Gesetzes.

Ein Konflikt der beiden Seiten ist unvermeidlich, und als dieser ausbricht, mit all seinen blutigen Konsequenzen, kehrt der verlorene Sohn in den Schoß der leiblichen Familie zurück. Die Parallelen zu Der Pate sind eindeutig und beabsichtigt. Auch Michael Corleone will mit den Geschäften seines Vaters nichts zu tun haben, bis ein traumatisches Ereignis ihn zwingt, sich ganz in den Dienst seiner Familie zu stellen. Die Plotstruktur mag dieselbe sein, doch Regisseur und Drehbuchautor Gray verdreht die Ausgangssituation, indem er nicht die »böse« Mafiafamilie sondern die »gute« Polizistenfamilie ins Zentrum rückt, und liefert damit die ethisch-moralisch beunruhigende Ergänzung zu Coppolas Klassiker. Er kopiert also nicht nur, sondern modifiziert und erweitert die großen Vorbilder. Bobby kämpft nicht nur für seinen wiedererwachten Familiensinn, sondern auch für die rechtmäßige Sache, wenn er sich die Polizeiuniform überzieht und Jagd auf Drogenkriminelle macht. Doch der resultierende Rachefeldzug distanziert ihn zusehends von seiner Ersatzfamilie und führt paradoxerweise auch zu einer schrittweisen Entmenschlichung, je mehr er sich für Gesellschaft und leibliche Familie aufopfert. Am Ende funktioniert Bobby wie eine Maschine, »works only and doesn‘t play at all«, und so wirkt das finale Bekenntnis zur Bruderliebe weniger wie ein letztes Festklammern an ein Stückchen Menschlichkeit als die sture Rechtfertigung eines Identitätsverlustes im Dienste der Familie und des Staates, und das hat man so noch nicht gesehen. 2008-02-13 15:54

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