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DWK 5 – Die wilden Kerle: Hinter dem Horizont

D 2008. R,B: Joachim Masannek. K: Benjamin Dernbecher. S: Alexander Dittner. M: Andrej Melita, Peter Horn. P: SamFilm. D: Jimi Blue Ochsenknecht, Sarah Kim Gries, Raban Bieling u.a.
102 Min. Walt Disney ab 21.2.08

An der Grenze

Von Natália Wiedmann Es ist eine der interessantesten Genderinszenierungen der gesamten Wilden-Kerle-Reihe: Klette – eine grammatisch weibliche Figur, die sich aber im vierten Teil einer geschlechtlichen Zuordnung verweigerte – spielt als Mann gekleidet ein flirtendes Mädchen, um in einer typischerweise Männern zugeschriebenen Rolle Nerv heldenhaft die Flucht aus der Gefahrenzone zu ermöglichen. Deutlicher denn je zeigt sich in dieser Szene, was von Beginn an energetisches Zentrum der Filme war: Die Grenze. Grenzüberschreitungen, Grenzverschiebungen, Grenzziehungen sind Thema eines jeden Wilde-Kerle-Films, sei es – wie im ersten Film – in Form der Frage, ob Mädchen genauso wild wie Jungs sein und Fußball spielen können, sei es – wie beim »Angriff der Silberlichten« – in Form der Auseinandersetzung zwischen männlichem »Westen« und weiblichem »Orient« und dem Kampf um Definitionsmacht.

Auch die Filme selbst verschoben zunehmend Grenzen: Die Handlung wurde von Mal zu Mal phantastischer, bis der jetzige Film – ein Fantasy-Action-Spektakel mit »richtigen HeldInnen« und blutsaugenden Vampiren – den Genrewechsel komplettierte. Der Untertitel reflektiert diesen Genresprung: Als ein Wahrnehmungsphänomen, das sich mit dem wahrnehmenden Subjekt ständig verschiebt, kann der Horizont eigentlich nicht als Ort gedacht werden. Daß die Handlung dennoch »hinter dem Horizont« verortet wird, verweist auf die Lokalisierung des Films in einem fiktiven Raum.

In mehrerer Hinsicht verkörpern auch die neuen Gegner der wilden Kerle »Grenzprobleme«: Hinreichend wurde in der Filmwissenschaft auf die enge Verbindung von Vampirismus und Homosexualität verwiesen, und auch wer diese Verbindung nicht wahrhaben will, wird nicht umhin kommen, die erotische Inszenierung der Vampire zu bemerken. So zum Beispiel bei der ersten Begegnung zwischen den Wilden Kerlen und dem gegnerischen Anführer Darkside im »Vampirschloß«: Im Zentrum eines rötlich beleuchteten Raumes kniet Darkside auf einem großen Bett, lasziv einer E-Gitarre einige verzerrte Töne entlockend, wobei das offene Hemd den Blick auf seinen nackten Oberkörper preisgibt. Als Blickobjekt wird er in eine weiblich konnotierte Position gerückt, wie auch die Vampirmädchen durch ihr stürmisches Verführungsverhalten stereotype Gendervorstellungen überschreiten. Die Erotik der Vampire fasziniert die Wilden Kerle, flößt ihnen aber auch Angst ein, und so läßt sich deren Flucht aus den Vampirgemächern auch als ein Wegrennen vor der eigenen Sexualität verstehen.

Die Vampire stehen aber auch für die Angst vor dem Älterwerden, der Angst vor dem Verlust der Jugendlichkeit und Schönheit. Vanessa – ausgerechnet – unterliegt diesen Versuchungen am schnellsten, stellt aber fest, daß der Preis der ewigen Jugend die ewige Sehnsucht ist, und zieht es daher doch vor, mit Leon alt und runzlig zu werden. So ist es nur folgerichtig, daß dies der erste Wilde-Kerle-Film ist, in dem kein einziger erwachsener Schauspieler mehr agiert, sind es doch die Wilden Kerle und die Vampire selbst, die schließlich erwachsen werden.

Dieser Wechsel kommt nicht so plötzlich, wie es sich vielleicht anhören mag. In den Filmen wurde der schwierige Versuch unternommen, die Handlung allmählich mit den SchauspielerInnen mitwachsen zu lassen, den Übergang von Kinder- zu Jugendfilm zu vollziehen und dabei trotzdem noch die jüngeren KinozuschauerInnen mit anzusprechen. Vor allem im Bereich der Sexualität ein prekäres Unterfangen, das es notwendig machte, zwischen Vanessa und Leon, die bereits seit dem zweiten Teil ein Paar bilden, ständige Entfremdungen zu inszenieren, so daß jeder Filmkuß wie der erste wirkte und auf eine Weiterentwicklung der Beziehung verzichtet werden konnte.
Am Ende des fünften Films hat nun jeder der Wilden Kerle eine Freundin, jeder hat seinen ersten Kuß hinter sich und Vanessa und Maxi mit ihrem Biß in den Hals symbolisch den ersten Sex. Dem Alter des Händchenhaltens sind sie nun endgültig entwachsen, für das Zielpublikum ist der Film in beiden Richtungen hart an der Grenze: Die Jüngeren rufen bei den Kußszenen »Ih!«, die Älteren langweilen sich wahrscheinlich. Und so wird es Zeit, von den Wilden Kerlen Abschied zu nehmen. Daß die Filmemacher das ebenso sehen, macht der Abspann des Films deutlich, in dem sich die ProtagonistInnen verbeugen, während die Bananafishbones bestätigen: »Jetzt ist es soweit, jetzt ist es vorbei.« Szenen aus den vorausgegangenen Wilde-Kerle-Filmen lassen die »Kindheit« derselben Revue passieren, jetzt aber beginnt für sie ein neues Stadium.

Der (in dieser Form?) letzte Wilde-Kerle-Film wird unter Kindern und Jugendlichen – allen »Grenzwertigkeiten« zum Trotz – sicher wieder eine begeisterte Anhängerschaft finden, nicht zuletzt, weil die Wilden Kerle mittlerweile ohnehin Kultstatus haben und es gelungen ist, die JungschauspielerInnen zu Stars aufzubauen. Aber hinter dieser Erfolgsgeschichte steht nicht nur wirkungsvolles Marketing, womöglich ist viel entscheidender, daß die Filme zunehmend Wunschbilder von Kindern und Jugendlichen und weniger die Vorstellung Erwachsener von Kindern und Kindheit bedienten.

Keine albernen, peinigend an Zuckowskis Kinderkassetten erinnernden Gesangs- und Tanzeinlagen versprühen pädagogisch wertvolle Zuversicht, keine grenzdebilen Gegner stolpern über die eigene Unzulänglichkeit und machen den HeldInnenmut der jungen Protagonisten letztendlich überflüssig. Stattdessen kann man sich im Kinosessel ganz den geheimsten Machtphantasien hingeben, Träumen von Autonomie und ewigen Sommerferien in einer erwachsenenfreien Welt, in der es immer ums Ganze geht, um Freundschaft, Verrat und Geschlechterrollen, mittlerweile um Leben und Tod. Offener als in vielen anderen der neuesten deutschen Kinderfilme werden Fragen behandelt, die eine große Rolle im Leben der jungen Kinozuschauer spielen: Was bedeutet es, ein Mädchen oder ein Junge zu sein? Oder keins von beidem sein zu wollen? Kann man cool und wild sein und trotzdem gefühlvoll? Die Unsicherheiten bezüglich der jeweiligen Geschlechterrolle werden kompensiert durch die Inszenierung von Körperbeherrschung und Kraft, von technischer und moralischer Überlegenheit.

So blendet man das hölzerne Schauspiel, die dürftigen Dialoge, das Pathos und die Schwächen der Geschichte eben aus und genießt stattdessen das visuelle Spektakel, freut sich an den intertextuellen Referenzen, an den wechselnden Kostümierungen und der Wahl der Schauplätze (gedreht wurde unter anderem in der Völklinger Hütte). Und warum auch nicht? Letztendlich ist es ohnehin wichtiger, wie man sieht/liest, als was. Mehr Sorgen bereitet es indessen, was der Erfolg der Wilden Kerle für die restliche Kinderfilmproduktion in Deutschland bedeuten könnte: Ist eine allgemeine Hinwendung zur Hollywoodästhetik zu befürchten und verlieren ambitionierte »Arthouse«-Kinderfilme vollends ihr Publikum? Tatsächlich zeigen sich beim neuesten deutschen Kinderfilm ein Trend zu Filmen, die vor allem auf Unterhaltung setzen, sowie ein Rückgang an sozialkritischen Themen. Beides setzte allerdings schon vor der Erfolgsgeschichte der Wilden Kerle ein und ist sicher nicht zuletzt ein Resultat der schwierigen Finanzierungsbedingungen im Kinderfilmbereich. So bleibt denn eher zu hoffen, daß die Wilden Kerle die Aufmerksamkeit für den deutschen Kinderfilm steigern und dazu beitragen, den momentanen Boom fortzusetzen, mit positiven Effekten für sämtliche Produktionen. 2008-02-20 10:57
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