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Someone Beside You

Bis zum Äußersten. A/CH 2007. R,B: Edgar Hagen. K: Eric Stitzel. S: Stefan Krumbiegel. M: Tomek Kolczynski. P: LOTUS Film, maximage u.a.
90 Min. Ventura ab 7.2.08

Kernspaltung der Seele

Von Lena Werle Es ist für den Betrachter eine fast unangenehme Szene: Zwei Menschen steigen aus einem Wohnmobil, sie sind wütend, diskutieren über eine zuvor erlebte Situation, die dem Zuschauer vorenthalten bleibt. Aufgrund dessen fühlt sich dieser fast ein wenig voyeuristisch, da er sie nun ihrer Zweisamkeit beraubt und dem Geschehen folgen kann: Der Kleinere von beiden stampft rumpelstilzchengleich auf den Boden, spricht davon, das Verhalten des anderen nicht mehr länger zu ertragen und schon gar nicht seine Rechtfertigungen, die meist außerirdische Kräfte für sein Handeln zuständig machen. Von der Verantwortung für den eigenen Geist ist die Rede. Der Große fühlt sich mißverstanden, respektlos behandelt, steckt sich nervös eine Zigarette an und läuft auf und ab wie eine unruhige Raubkatze.

Jakob Litschig und Kaspar Vogel sind zwei der Menschen mit Psychose-Erfahrungen, die Regisseur Edgar Hagen über einen längeren Zeitraum hinweg begleitet hat und deren erkrankter Geisteszustand die thematische Grundlage für sein dokumentarisches Roadmovie Someone Beside You liefert. Bereits in der ersten Szene wird deutlich, daß die Realisierung dieses Projektes mit einigen Hindernissen verbunden gewesen sein muß. Hagen sieht sich genötigt, in das Geschehen einzugreifen, agiert als Vermittler zwischen den beiden wenig einsichtigen Männern und verläßt somit seine Position hinter der Kamera. Immer nah an seinen Figuren begleitet er unterschiedliche Patienten auf dem Weg ihrer Krankheitsgeschichte, besucht Orte – wie psychiatrische Heilanstalten – die zum Teil grausame Erinnerungen wecken, läßt Ärzte und Angehörige zu Wort kommen.

Gemeinsam ist diesen Menschen allen der Glaube an die Heilmethoden eines mittlerweile verstorbenen Arztes und buddhistischen Lehrers und dessen 1981 in Boulder/Colorado gegründeten therapeutischen Einrichtung »Windhorse«. Edward Powells Leitsatz »Wer einen Verstand hat, kann ihn auch verlieren« revolutionierte die Ansichten der herkömmlichen Psychiatrie, die davon ausgeht, daß grundsätzlich genetische und organische Prädispositionen den Ausbruch von Psychosen begünstigen und diese dann meist nur medikamentös unter Kontrolle gebracht werden können. Der Glaube an einen gesunden Kern in jedem Menschen, der durch die unterschiedlichsten äußeren Einflüsse und Begebenheiten erkranken kann, ist sein Plädoyer für eine andere Psychiatrie.

Auch Powell selbst – dem dieser Film gewidmet ist und der kurz nach den Dreharbeiten verstarb – kommt zu Wort: Schwer von seiner Krankheit gezeichnet besucht Hagen den buddhistischen Mönch und Psychiater, begleitet ihn zu seinen Gesprächskreisen, seinen Meditationsübungen und macht das Ausmaß seines Vermächtnisses deutlich, indem er mit seinen Anhängern in der Schweiz, Europa und den USA spricht.

Mit seiner Dokumentation scheint Hagen dabei weniger den Ursachen des geistigen Zusammenbruchs der Klienten auf den Grund gehen zu wollen – vielmehr rückt er ihren Moment des Erwachens und den Glaube an Gesundung in den Vordergrund. Daß es ihm dabei im Wesentlichen um die Darstellung des menschlichen Miteinanders, um menschliche Beziehungen geht, zeigt sich in seiner eigenen ständigen Präsenz, auch vor der Kamera. Erst die radikale Akzeptanz des Gegenübers schafft im Dialog die Grundlage zum Verständnis. Dieser Leitsatz wird zur Grundidee des ganzen Films.

Es ist gewiss kein leicht verdaulicher Stoff: Das Bewußtsein, daß lediglich ein schmaler Grat zwischen »Normalität« und geistiger Verwirrung existiert, ist keine beruhigende Vorstellung und eine Konfrontation mit diesem Wissen damit erst Recht nicht wünschenswert (vielleicht auch ein Grund dafür, daß bisher wenig vergleichbare Dokumentationen existieren). Gerade dort setzt Hagen mit seinem Film an: Durch die Präsentation dieser vom Leben gebeutelten Menschen, die dennoch den Weg aus der Krise zurück in eine annehmbare Wirklichkeit gefunden zu haben scheinen, führt er dem Zuschauer klar seine Ängste vor Augen und stellt so gleichzeitig den eigentlichen Fehlschluß in den Vordergrund: Nicht die Betroffenen sind das Problem, sondern das, was sie in uns auslösen.

Schlußendlich stellt man sich die Frage, ob eine solch einseitige Sicht auf Heilungsmethoden und die völlige Abwendung von der aktuellen Forschung (besonders auf dem Gebiet der Medizin) nicht ein verklärtes Bild dieser Krankheit zeichnen. Dennoch schadet dies in keiner Weise, Hagens Versuch mit Someone Beside You ein wenig Unwissenheit und Unsicherheit aus dem Weg zu räumen und stattdessen Verständnis zu schaffen. 2008-02-06 21:51
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