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There will be blood

USA 2007. R,B: Paul Thomas Anderson. K: Robert Elswit. S: Dylan Tichenor. M: John Greenwood. P: Paramount Vantage, Miramax. D: Daniel Day-Lewis, Paul Franklin Dano, Kevin J. O'Connor, Ciarán Hinds u.a.
158 Min. Walt Disney ab 14.2.08

Wahnsinn mit Methode

Von Martin Thomson Abgesehen von den beiden mit bescheidenen formalen und thematischen Ansätzen realisierten Hard Eight und Punch-Drunk Love ging es in Andersons Oevre immer um das Winden verletzter und gekränkter Figuren, die aus dem Verlust ihrer Hoffnung heraus zugrunde gehen. Magnolia bot hier geradezu ein Schaulaufen dar. Der verendende Fernsehmogul, dessen letzte Feststellung es ist, über seine Verantwortungslosigkeit Frau und Kind verloren zu haben, läßt sich wohl als quintessentielle Verkörperung des Anderson–Helden lesen; er ist aus dem Verbrauch seiner Lebensenergie heraus zu schwach, zu sehr in seiner Schuld verstrickt um in das selbst geschaffene Lügengebäude zurückzukehren. Das Scheitern der Figuren aus Boogie Nights und Magnolia erklärt sich aus dem Umstand, daß sie das Glück nur in einem beschleunigten Vorwärtsgang genießen können, der in der Offenbarung des mithin ein Leben lang aufrechterhaltenen Selbstbetrugs ein katastrophales Ende finden muß. Die kraftvolle Inszenierung, die sich in Andersons Hauptwerken in jener atemlos erscheinenden Geschwindigkeit der Kamerafahrten und Schnitte entlud, erklärte sich auch immer aus dem Umstand, daß er das schier hemmungslose, aber letztlich vergebliche Bewegen seiner Figuren festhalten wollte, mit dem sie um sich und damit direkt ihrem Untergang entgegen kreisen.

In There Will Be Blood ist nun alles anders, und dennoch läuft es bei genauerer Betrachtung auf das Gleiche hinaus. Statt mit einem Ensemble und mehreren Handlungssträngen aufzuwarten, bleibt Anderson auf seine Hauptfigur konzentriert, und statt rasanter Kamerafahrten und stetiger Handlungs- und Ortswechsel wählt er dezente Bewegungen und eine puristische Ausstattung. Alles im Dienste einer Atmosphäre, die sich, metaphorisch gesprochen, wie ein Fieber anfühlt, das nicht zum Ausbruch kommt, wie eine juckende Stelle, die für die Hand unerreichbar bleibt.

Seine Hauptfigur Daniel Plainview windet sich zwar auch, aber in sich selbst. Mit dem typischen Anderson-Helden hat sie den Willen gemeinsam, erschaffen zu wollen, aber in der Konstruktion des Neuen nicht die dafür notwendige Dekonstruktion des Alten zu erlangen. Das Alte, das ist vor allem besetzt von einer alttestamentarischen Religiosität, die sich in der antagonistischen Figur des Eli Sunday offenbart. Eines selbsternannten religiösen Fanatikers, auf dessen Ratschlag hin Plainview jenes Stück Land kauft, das ihm zum Verhängnis wird.

Im Unterschied zu den früheren Helden aus dem Anderson-Oevre bleibt dem Zuschauer der Grund für den Antrieb von Daniel Plainview ein Rätsel. Er scheint wie eine aus der Ölgrube erstiegene Kreatur; nur über das definiert, was sie hervorschürft, was sie an die Oberfläche holen will. Daniel Day-Lewis spielt diesen Charakter mit einem ganz eigentümlichen Sprachduktus, der über weite Teile des Films das einzige sprachliche Element des Films darstellt. In ausführlichen Ansprachen preist er sich und seine Dienste an und redet über die trocken anmutenden Fakten der Ölbohrung. Es ist eine aromantische Welt, die hier entworfen wird und die aufgrund der schreienden Geigen, des stetig zweiflerischen Untertons in der furiosen musikalischen Untermalung von »Radiohead«-Gitarrist Jonny Greenwood, eine Bedrohlichkeit provoziert, die jener entspricht, die Plainview in sich empfindet.

There Will Be Blood wirkt in seiner mathematisch anmutenden Nüchternheit auf so erschütternde Weise kühl, ist auf so kaltblütige Weise nüchtern. Alles daran ist so arrangiert, daß es auf die unwiederbringliche Konsequenz eines selbstzerstörerischen Wahns hinauslaufen muß. Dieser Wahnsinn wird einerseits mit dem pragmatischen Bestreben der Zeichnung eines Psychogramms seiner Hauptfigur nachverfolgt, aber so wenig definiert, daß zwischen Analyse und Empfinden ein blutendes Vakuum klafft, das so tief in der Wüstenerde vergraben scheint, daß es ihrer Vergewaltigung bedarf, um etwas Verkauf- und Konsumierbares daraus zu schaffen; etwas, das nur Projektion von Glück, in Wirklichkeit aber nur gleichbedeutend ist mit kollektivem Selbstbetrug, der sich Zivilisation schimpft. An der Oberfläche warten die Geburtshelfer mit der Bibel in der einen und der Waffe in der anderen Hand.

Andersons Werk ist nicht nur anders als das, was sich von dem vielleicht bedeutendsten amerikanischen Gegenwartsregisseur seiner Generation erwarten läßt, er ist auch anders als das, was sich gemeinhin von einem Filmerlebnis erwarten läßt, denn er hinterläßt eine Ungeklärtheit, die er seiner Eigenständigkeit und Konsequenz verdankt. Regisseure wie Anderson begreifen das Medium Film nicht aus dem Gedanken heraus, Vorhandenes zu nehmen und neu anzuordnen, sondern es so sehr in einen anderen Kontext zu denken, daß es das Antlitz seiner Ursprungsquelle verliert, um eine eigene Gestalt anzunehmen. Eine Qualität, die Anderson mit jenen Regisseuren eint, die einst das Kino verändert haben. Eine Qualität, der sich Anderson mit seinem neuen Werk nur wieder würdig erweisen konnte. 2008-02-17 20:05
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