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Das Waisenhaus

El Orfanato. E/MEX 2007. R: Juan Antonio Bayona. B: Sergio G. Sánchez. K: Óscar Faura. S: Elena Ruiz. M: Fernando Velásquez. P: Esta Vivo! Laboratorio de Nuevos Talentos, Estudios Picasso, Grupo Rodar, Telecinco. D: Belén Rueda, Fernando Cayo, Geraldine Chaplin, Montserrat Carulla, Mabel Rivera u.a.
102 Min. Senator ab 14.2.08

They’re heeeere

Von Eva Tüttelmann Irgendwie kommt einem das bekannt vor. Vor einigen Jahren überzeugte das spanische Kino doch schon mal mit einem Regisseur, der einen klassischen Gruselfilm ablieferte. Mit einem Film, in dem Tote, die keinen Frieden finden, das Haus, in dem sie vor Zeiten lebten, nicht freigeben wollen. Mit The Others gelang Alejandro Amenábar 2001 ein sehenswertes Genreexempel. Ganz ohne Splatter vermochte er es, den Kinozuschauer zu fesseln, mit altbewährten Kniffen wie knarrenden Türen und präzise eingesetzten Toneffekten.

Doch nicht nur an The Others fühlt man sich in Das Waisenhaus erinnert. Es sind so einige Klassiker, die hier aufgegriffen werden. Eine ganze Sequenz lang spielt Juan Antonio Bayona mit Tobe Hoopers Poltergeist. Ein Medium soll mit Hilfe von Kameras und Tonbandaufzeichnungen die »Verlorenen« ausfindig machen und mit ihnen in Kontakt treten, um herauszufinden, wohin der kleine Simón verschwunden ist. Hooper jedoch zeigt uns die, »die nicht hinüber können«, in einem magischen Moment der Filmgeschichte, während Bayona uns noch nicht einmal animierte Schattengestalten präsentiert, sondern unendliche Spannung zu erzeugen vermag, indem er uns einfach gar nichts zeigt. Das Motiv des einst glücklichen Paares, dessen Beziehung nach dem Verlust des eigenen Kindes auf verstörende Weise zu zerbrechen droht, führte uns bereits Nicolas Roeg in seinem grandiosen Meisterwerk Wenn die Gondeln Trauer tragen vor. Die hutzelige alte Frau in Das Waisenhaus trägt jedoch ein blaues Mäntelchen. Erstaunlich: Zu keinem Zeitpunkt beschleicht einen das Gefühl, einer Kette von geklauten Ideen ausgeliefert zu sein. Trotz der vielen Anspielungen auf Klassiker des Genres birgt Das Waisenhaus seine ganz eigene Faszination.

Obwohl der Ursprung der Handlung ein übernatürlicher ist, sind es die weltlichen Greuel, die sich immer wieder mit den phantastischen Momenten der Erzählung vermischen und am Ende eine Dramatik erzeugen, die wohl nur in genau jener Parallelexistenz entstehen kann. Der Film schockiert vor allem emotional. Der geistige Verfall der verzweifelten Mutter, die die Suche nach ihrem verschwundenen Sohn auch nach Monaten nicht aufgeben will, ist der wundervollen Belén Rueda äußerlich anzusehen. Die Figur der klugen, schönen Laura bröckelt im Fortgang der Handlung wie eine alternde Statue, bis sie psychisch wie physisch ein Wrack darstellt. Das Waisenhaus ist weitaus mehr als ein Horrorfilm: Dank seiner großartigen Besetzung und des außergewöhnlichen Drehbuchs ist es Bayona gelungen, ein subtiles Psychodrama zu inszenieren, das einem in vielerlei Hinsicht den Atem raubt. Mit dem Charme eines bildschönen, verstörenden Settings, einer Kamera, die Türen und Treppen liebt, und einem Score, der die Bildsprache des Films angemessen zu unterstreichen weiß, ist Das Waisenhaus ein ungewöhnlich reifer Vertreter seines Genres. 2008-02-06 10:30

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #49.

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