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Saw IV

Saw 4. USA 2007. R: Darren Lynn Bousman. B: Marcus Dunstan, Patrick Melton. K: David Armstrong. S: Kevin Greutert, Brett Sullivan. M: Charlie Clouser. P: Lions Gate Films, Twisted Pictures. D: Tobin Bell, Costas Mandylor, Scott Patterson, Betsy Russell u.a.
92 Min. Kinowelt ab 7.2.08

»Wusch«, sagte die Kamera

Von Carsten Tritt Im Prinzip ist Saw IV nichts anderes, als ein weiteres schrecklich uninspiriertes langweiliges Filmchen. Saw IV ist als eigenständiger Werk belanglos, wie auch die Filmreihe Saw abgesehen von ihrem kommerziellen Erfolg uninteressant bleibt. Die Tatsache, daß er mit seiner mangelnden Originalität als Musterfall für einige grundlegende Veränderungen im Kino der letzten Jahre bietet, was z.B. den Aufbau von Fortsetzungsfilmen betrifft, führt allerdings dazu, daß sich hier zumindest eine theoretische Beschäftigung mit dem Werk lohnen könnte.

Einstmals vor nicht allzu langer Zeit bestand eine Filmserie in der Regel aus mehreren, in sich abgeschlossenen Filmen. Ein schönes Beispiel bieten die James-Bond-Filme: Zwar bauen die ersten sieben Filme aufeinander auf – denn mit Ausnahme von Goldfinger handeln sie stets vom Kampf des Geheimagenten gegen die Geheimorganisation »Spectre« bzw. deren Vorsitzenden Blofeld, über die 007 von Film zu Film immer mehr erfährt. Dennoch ist diese Kontinuität dermaßen dünn und sind die einzelnen Geschichten vor allem stets in sich abgeschlossen, daß der Zuschauer jederzeit auch den einzelnen Film ohne Probleme verstehen kann, und es eigentlich sogar egal ist, in welcher Reihenfolge man die Filme schaut. Eigentlich ist es dabei sogar eine recht hübsche Abwechslung, daß zwischendurch ständig der Blofeld-Mime oder sogar mal der Hauptdarsteller ausgewechselt werden. Der Fortsetzungsfilm war also regelmäßig ein eigenständiges Werk, und es stellte somit auch kein Problem dar, daß eine in Winnetou III so tragisch dahinscheidende Titelfigur nur zwei Monate später an der Seite von Old Surehand wieder lustig über die Leinwand gallopierte. Selbst wenn, wie bei den Bond- und Karl-May-Filmen, also die Fortsetzung bereits fest eingeplant war, wurde auf den großen übergreifenden Storybogen verzichtet. Das Publikum erwartete einen eigenständigen Kinoabend, in dem es bekannte und beliebte Charaktere und Stars wiedersah und einen Film im bekannten und beliebten Genrestil genießen konnte. Auf etwas anderes hätte sich das Publikum angesichts der damaligen Rezeptionsgewohnheiten wohl auch kaum einlassen können: Schließlich wollte man ja auch den Zuschauer ansprechen, der den Vorgängerfilm nicht gesehen hat, und selbst die Zuschauer, die den Vorgängerfilm kannten, hätten sicher Mühe gehabt, sich an die Details des gegebenenfalls schon ein bis zwei Jahre zurückliegenden Ereignisses zu erinnern. Mein Freund Lukas sagte mir kürzlich, er habe noch keinen Saw-Film gesehen, plane aber nun, sich die ersten drei Teile auf DVD auszuleihen und sämtlichst an einem Wochenende zu konsumieren, um sich dann anschließend den vierten Teil im Kino anzuschauen (ein Vorhaben, von dem ich ihm natürlich dringlich abriet). Diese Rezeptionswege gab es zur Zeit der Monopolstellung des Kinos nicht, so daß der Zuschauer in der Regel gar nicht die Möglichkeit gehabt hatte, sich über eine Vorgeschichte des Films zu informieren; und wenn er den Kinoabend genießen wollte, wäre er wohl auch kaum bereit gewesen, ein offenes Ende zugunsten einer vielleicht irgendwann mal erscheinenden Fortsetzung zu akzeptieren.

Der Cliffhanger im Kino setzte sich zunächst nur im Beiprogramm durch, in den Serials der 1930er und 40er, die gerade dazu gemacht wurden, den Zuschauer in der nächsten Woche wieder ins Kino zu locken. Zwar gab es auch beim Hauptfilm Ausnahmen, in denen auf den Cliffhanger zurückgegriffen wurde, doch diese waren rar gesät, wie z.B. die ersten beiden Mabuse-Filme oder die 1980er und 1983er Krieg der Sterne-Fortsetzungen, die sich freilich an die Erzählstruktur eben der Serials anlehnten, so daß das offene Ende nach Teil zwei sogar ganz passend schien. Selbst die meisten populären Fernsehserien von Raumschiff Enterprise bis zum Freitagabendkrimi kopierten lieber die abgeschlossene Struktur des Kinos, der Cliffhanger blieb der Seifenoper, somit der vermeintlich niedrigsten Form der TV-Unterhaltung, vorbehalten.

Es war jedoch das Fernsehen, das diese geschlossenen Erzählstrukturen immer weiter aufbrachen und zunächst über die einzelne Serienepisode hinausgehende Handlungsbögen als Nebenhandlung installierten, wie etwa bei den späteren Star Trek-Serien, während heute hochgelobte Reihen wie 24 fast nur noch in solchen staffelumfassenden Handlungen funktionieren, insbesondere, seit der wahre Fan nicht mehr gezwungen ist, sich die Serie im Fernsehen anzuschauen, sondern gleich auf die Staffelbox als DVD zurückgreift.

Diese Tendenz schlägt, da Filme nicht mehr nur im Kino, sondern immer mehr auf DVD geschaut werden, auch im Kinofilm durch. Hier denken die Filmemacher zwar noch nicht in Staffeln, aber zumindest schon in Trilogien. Ein Vorläufer waren hier Zurück in die Zukunft II und III (1989/1990), eine Reihe, bei der als Anfängerfehler noch die TV-Rechte uneinheitlich verteilt wurden, so daß eine einheitliche Ausstrahlung gerne scheiterte. Heute hat der Zuschauer sich dermaßen an »Back to back« gedrehte Fortsetzungen gewöhnt, daß er ohne Murren offene Enden bei den zweiten Teilen von Matrix und Fluch der Karibik ebenso wie auf mehrere Jahre verteilte Filmreihen wie Herr der Ringe akzeptiert, und selbst die konservative James-Bond-Reihe plant den neuesten Teil Quantum of Solace als direkten Anschluß an das Ende von Casino Royale.

Die Saw-Reihe – inzwischen und vorläufig übrigens auf sechs Teile angelegt – und vor allem Saw IV sind nun Ausprägungen dieses Seriendenkens, allerdings hier in seiner schlimmsten Form. Der erste Teil war als Whodunit angelegt und somit, indem am Ende verraten wurde, wer der so genannte Jigsaw-Killer ist, auch wenn dieser nicht gefaßt wurde, eigentlich zu Ende erzählt. Auch der Ahne der Saw-Filme, der gewöhnliche amerikanische Slasherfilm, baut zwar in seinen Fortsetzungen aufeinander auf, jedoch analog zur klassischen Fortsetzung reicht es für den Neueinsteiger in die Reihe eigentlich, daß man ihm sagt, daß der Herr mit dem Pizzagesicht/den Nägeln im Kopf/der weißen Gummi- respektive Eishockeymaske der Böse ist. In der Regel ist das alles nicht besonders handlungsintensiv und zieht seinen Reiz aus einer möglichst gruseligen Inszenierung, angereichert um einige Gewaltspitzen, die präsentiert werden ähnlich der Pointen eines Slapstickfilms (und in den deutschen Fassungen auch gerne mal zensurbedingt fehlen).

Die Saw-Macher, gar nicht dumm, überlegten sich jedoch, ein heutiges Publikum damit anzusprechen, daß sie auf filmübergreifende Handlungsbögen setzen und zwar in einem solchen Maße, daß ein unbedarfter Zuschauer, dessen erster Film der Reihe Saw IV wäre, es wohl kaum schaffen wird, die einzelnen Protagonisten und Einzelhandlungen zuzuordnen. Das ist für ihn umso schlimmer, als eigentlich jede einzelne dieser Figuren dermaßen dumm und klischeehaft gezeichnet ist, daß man eigentlich dem Opfer einen schnellen und möglichst blutigen Filmtod gönnt. Es werden also nur dünnste Handlungsschnüre sogar aus verschiedenen Teilen der Reihe überlagert, meist nicht einmal richtig verwoben, die dem Zuschauer eine Komplexität vorspiegeln sollen, die das Drehbuch nicht ansatzweise einzuhalten vermag. Am traurigsten trifft es hier den Jigsaw-Killer als zentrale Figur selbst. Im ersten Film bot die Figur durchaus interessante charakterliche wie moralphilosophische Ansätze, indem Jigsaw seine Opfer in Versuchsaufbauten steckte und es vom Verhalten seiner Opfer abhing, ob diese entweder grausam getötet wurden oder, gegebenenfalls vestümmelt oder gequält, sich aus der Maschinerie befreien konnten und nach Ansicht von Jigsaw somit zu besseren Menschen würden, die das Geschenk des Lebens endlich zu schätzen wüßten. Freilich löste selbst der erste Film eben diese Ansätze kaum ein und blieb in seiner Oberflächlichkeit weit hinter den Möglichkeiten, die sich aus dieser Idee hätten ergeben können, zurück. Vollkommen unverständlich ist es jedoch, daß sich diese zentrale Figur drei Filme später immer noch keinen Deut weiterentwickelt hat. Zwar wird ein bißchen Vorgeschichte erzählt, und der Zuschauer lernt auch Jigsaws Ex-Frau kennen, doch der Protagonist selbst bleibt genauso eindimensional wie ehedem.

Die Erzählung ist also uninteressant und das Whodunit wurde, wie bereits erwähnt, ja schon im ersten Film gelöst (der Drehbuchautor versucht hier zwar, eine neue Mördersuche aufzubauen, aber das ist so halbherzig gemacht, daß fraglich ist, ob dieses Ansinnen überhaupt ernst gemeint ist). Der letzte mögliche Reiz läge also in Jigsaws Maschinen und Versuchsaufbauten, mit welchen er seine Opfer traktiert, und die Idee scheint doch auch gar nicht mal so schlecht – schließlich haben es der Roadrunner und Wile E. Coyote geschafft, mit einem ähnlichen Konzept und völlig ohne störende narrative Elemente über Jahrzehnte glänzend zu unterhalten. Aber auch in dieser Hinsicht erweist sich Saw IV als tiefer Griff ins Klo (wobei ich mit dieser zugegeben etwas abgedroschenen Metapher auch an die auf versifft getrimmten Kulissen denke, die mit ihrer Eintönigkeit inzwischen langweilen, abgesehen davon, daß man davon ausgehen muß, daß selbst wenn ein Opfer mal überlebt, es sowieso bald an Wundbrand stürbe). Der Hauptgrund, warum auch Jigsaws spaßige Maschinen nicht unterhalten können, liegt darin, daß die Saw-Filme, und ganz besonders Saw IV, hierbei eine Fernsehästhetik kopieren, die mit diesem Material einfach nicht funktioniert. Saw IV hat das, was der modische TV-Regisseur so liebt: wackelige Handkamera, Jump Cuts und diese Rückblendenstakkatos, die mit einem »Wusch« unterlegt sind, wie man sie aus CSI kennt. Wo früher beim Edgar Wallace, so fünf Minuten, bevor Eddie Arent das »Ende«-Schild in die Kamera hielt, noch schnell Joachim Fuchsberger oder Heinz Drache auftraten und erklärten, wer der Mörder war und warum, wurde dieses alte Klischee inzwischen durch ein neues ersetzt: Mit ein paar Flashs und dem »Wusch« sowie dem Geräusch eines ratternden Projektors hinterlegt wird die Ausführung der Tat in Rückblenden von zwei bis vier Sekunden zusammengefaßt. Das mag bei CSI funktionieren, bei Saw IV nervt es aber nur noch, zum einen, weil diese Technik während des Films gefühlte dreißig bis vierzig mal Verwendung findet, zum zweiten, weil auch die Auslösung von Jigsaws Maschinen – somit die Gewaltspitze, die Pointe – in dieser Technik verhunzt wird. Man stelle sich vor, heute würde ein Regisseur eine Neuverfilmung von Dick und Doof im Wilden Westen versuchen – er käme doch nie im Leben auf die Idee, daß die Szene, in der Stan Laurel seinen Hut verspeist, lustiger wäre, wenn man sie mit Handkamera und Jump Cuts, mit »Wusch« und Rattergeräusch unterlegt auf zwei Sekunden komprimieren würde.

Bei solchen größten anzunehmenden Unfällen wie Saw IV ist es nur offensichtlich, warum im Kino derzeit eine kleine Retrowelle zu beobachten ist mit den vierten Teilen von Stirb langsam, Rambo und Indiana Jones, die eben altmodische, abgeschlossene Geschichten mit den beliebten und bekannten Charakteren versprechen. Es gibt genug Beispiele, wie man moderne Filmtechniken auch im Genrefilm einsetzen kann – Crank ist so ein Fall oder auch die Bourne-Reihe. Wer sich Saw IV ansieht, setzt sich hingegen ernstlich der Gefahr aus, diese modernen Segnungen der Filmkunst zugunsten eines Früher-war-alles-besser-Gedankens schnellstens hinfortzuwünschen. 2008-02-06 14:47
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