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Der Krieg des Charlie Wilson

Charlie Wilson's War. USA 2007. R: Mike Nichols. B: Aaron Sorkin. K: Stephen Goldblatt. S: John Bloom, Antonia Van Drimmelen. M: James Newton Howard. P: Good Time Charlie Productions, Universal Pictures u.a. D: Tom Hanks, Amy Adams, Julia Roberts, Philip Seymour Hoffman u.a.
102 Min. Universal ab 7.2.08

Charlie und die Mudschaheddinfabrik

Von Daniel Bickermann Es wird Zeit, daß die Welt endlich von Charlie Wilson erfährt, schließlich hat er praktisch im Alleingang die UdSSR zu Fall gebracht und den Kalten Krieg entschieden. Und zwar nicht in einer fröhlichen Fiktion à la Forrest Gump oder Edmund F. Dräcker, sondern ganz real und historisch. Das Genie dieses unbedeutenden Hinterbänklers im US-Repräsentantenhauses bestand darin, ein paar Geheimdienstler mit dem dringenden Wunsch, »Russen kaltzumachen«, und die Senatoren mit Kontrolle über das Budget für Geheimoperationen zusammenzubringen. Als Resultat verhundertfachte sich das Budget für CIA-Waffenlieferungen an die afghanischen Gotteskrieger, ein paar US-Senatoren riefen »Allahu Akbar« in pakistanischen Flüchtlingslagern, und fertig ist ein hochaktuelles Stück Weltgeschichte, verpackt als bitterböse Screwball-Satire.

Drehbuchautor Aaron Sorkin, ein Meister der schleichenden Zuschauerüberforderung, macht dafür wieder fleißigen Gebrauch von den mit seinem Namen untrennbar verbundenen »Walking and Talking«-Szenen, in denen meist akademisch gebildete Charaktere lange Dialoge auf dem gemeinsamen Weg durch ebenso lange Korridore austauschen. Man fand solche Situationen bisher in den Sorkin-Skripts Eine Frage der Ehre, Hallo, Mr. President und in seiner Fernsehserie The West Wing: Sie beginnen mit einfacher Informationsvermittlung, beschleunigen sich zum verbalen Schlagabtausch und wollen so lange nicht enden, bis sich die Zuschauer vor Schnitt- und Erholungsmangel winden.

Solche Szenen sind für Schauspieler das, was Bartóks zweites Klavierkonzert für Pianisten ist, und nicht selten werden dabei in einer einzigen Einstellung mehrere Drehbuchseiten abgespult, die perfektes Timing und absolute Textsicherheit verlangen. Hier trennt sich die Spreu regelmäßig vom Weizen, und Mike Nichols, schon immer ein begnadeter Schauspielregisseur, darf stolz darauf sein, für diesen Film ein Ensemble zusammengestellt zu haben, das solche Aufgaben tatsächlich meistern kann.

Aber es ist das Drehbuch und die brillant gezeichneten Charaktere, die den Film prägen. Die Musik, eine an Knopflers Wag the Dog-Soundtrack erinnernde augenzwinkernde Gitarrenmischung von James Newton Howard, verschwindet ebenso zielsicher aus der Aufmerksamkeit wie Stephen Goldblatts gediegene Kameraführung. Auf Actionsequenzen oder Spannungsmomente wartet man ebenfalls vergebens, und die einzigen Schwachstellen schleichen sich bezeichnenderweise in den visuell dramatischen Momenten ein: Ein russischer Hubschrauberangriff auf ein afghanisches Dorf wird zum unfreiwillig mitreißenden Computerspiel; und die Darstellung des Leidens im Flüchtlingscamp bringt einen Hauch unangebrachter Melodramatik in eine ansonsten angenehm kalte Satire. Nein, inszenatorische Grandeur schadet dieser teilweise hochabstrakten Kopfgeburt nur, auch die Schauspieler halten den Ball erstmal flach und vertrauen dem Drehbuch. Sicher, Hanks scheint sich nie so ganz zu Hause zu fühlen in den Whirlpools voller Stripperinnen und Koks; er betont den inhärenten Saubermann in Charlie Wilson ein wenig zu sehr, als daß er dem zynischen Potential dieses Frauenhelden und Politcowboys wirklich gerecht werden könnte. Auch Julia Roberts bleibt trotz horrender Südstaaten-Religionsrhetorik etwas blasser als man erhofft hatte. Es ist aber durchaus möglich, daß solche leichten Schatten vom erneut überlebensgroßen Philip Seymour Hoffman geworfen werden, der als unflätiger, schnauzbärtiger, bierbäuchiger und großmäuliger Mann für die CIA-Schmutzwäsche die Szenerie nach Belieben beherrscht – einen derart schillernden Spinner durfte man schon lange nicht mehr bewundern. Er ist das Sahnehäubchen auf einer großartig gelungenen Filmtorte: erstaunlich gehaltvoll, ein bißchen zartbitter und mit einer schwer verdaulichen Episode zum Aufstieg der Taliban als Nachtisch garniert – ein herrlich verbotenes Vergnügen. 2008-02-06 21:52
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