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Unsere Erde – Der Film

Earth. D/GB 2007. R,B: Alastair Fothergill, Mark Linfield. K: Richard Brooks Burton, Andrew Shillabeer. S: Martin Elsbury. M: George Fenton. P: Greenlight Media AG, BBC Worldwide.
96 Min. Universum ab 7.2.08

Wer den Eisbären stört

Von Nina Schattkowsky Fünf Jahre lang haben 40 Kameraleute an 200 unterschiedlichen Drehorten mit hoch entwickelter Aufnahmetechnik unsere Erde gefilmt. Die Wüsten, Ozeane, Höhlen, Gebirge, Wälder und Steppen und die bekannten und unbekannten Wesen, die in ihnen zuhause sind. Diesem Mammutprojekt der BBC verdanken wir spektakuläre, hoch aufgelöste, nie da gewesene Bilder von jener Welt, die um uns und ohne uns seit Zeitaltern existiert. Unsere Erde ist ein 90minütiges Naturschauspiel mit allen dramatischen Raffinessen. Der Film verläßt sich meist gekonnt auf die Kraft der Bilder und läßt die Natur die Geschichte erzählen. Eine Geschichte, die alles hat und deren Drama und Komik über die Kraft der Fiktion hinausgeht. Genau wie wahre Geschichten über Menschen das entscheidende bißchen Mehr an authentischer Emotion vermitteln können, sind die tierischen Schicksale in Unsere Erde unglaublich mitreißend und bewegend.

Da ist zum Beispiel die niederschmetternde Tragik der Eisbären, deren Welt buchstäblich um sie herum wegschmilzt und die sich verzweifelt aus dem eigenen Element herausbegeben, um Nahrung zu finden. Kraftvoll sprechen die Bilder für sich selbst, wenn der Eisbär mit wackligen Beinen auf dem dünnen Eis immer wieder einbricht oder scheinbar ziellos Stunden um Stunden auf das offene Meer schwimmt, um den Weg zu seiner Beute wettzumachen, den das Eis nicht mehr bietet. Es bedarf keiner Erklärungen, daß der letzte Versuch einem viel zu großen Walroß in den fettgepolsterten Hintern zu beißen, nur noch ein verzweifeltes Aufbäumen vor dem Hungertod ist. Fast ein bißchen schade ist bisweilen, daß es überhaupt einen Kommentar gibt, da solche und andere Szenen bereits wortlos jene Moralpredigt zum Klimawechsel halten.

Wie es allerdings zur Auswahl der Bilder aus dem umfassenden Material der elfteiligen BBC-Serie Planet Erde kam, ist weniger augenscheinlich. Obwohl eine lockere »Von Nord nach Süd«-Anordnung einen Rahmen andeutet, geht doch der Fokus und Zusammenhang oft verloren. Zusätzlich werden Geschichten manchmal nicht ganz bis zum Schluß verfolgt, was teilweise wohl durch eine ärgerliche Entschärfung der Jagdszenen für eine familienfreundliche Freigabe zu erklären ist. Ähnlich läßt sich scheinbar auch die Auswahl der Tiere begründen, da den Publikumslieblingen Eisbär, Elefant und Buckelwal die Hauptrollen zukommen. In dieser Hinsicht steht der Film hinter der Serie zurück, deren Querschnitt durch die Gesichter der Erde auch abseits der Beliebtheitsskala stattfand. Trotzdem finden sich hier und dort neben den immer außergewöhnlichen Bildern auch außergewöhnliche Tiere, wie die Paradiesvögel, deren Balzverhalten einem die (Lach-)Tränen in die Augen treiben kann.

Bisweilen werden jedoch gerade die ständigen Superlative anstrengend, und man fragt sich, ob unsere Erde tatsächlich immer bombastisch und spektakulär ist. Die leisen Töne kommen etwas zu kurz, wären aber zum Verschnaufen und als Kontrast hier und dort hilfreich. Ein positiver Aspekt der dauernden Dramatik ist aber, daß man sich gleichmäßig auf allen Stufen der Nahrungskette befindet und es keine »bösen« Raubtiere und »armen« Beutetiere gibt. Der angenehme Perspektivenwechsel im Interesse purer Überlebensinstinkte setzt die Dokumentation von Vorgängern ab.

Abseits von strukturellen Schwächen kann man sich von Unsere Erde aber einfach wunderbar berieseln und überwältigen lassen. Von extremen Nahaufnahmen winziger Wunder bis hin zu gigantischen Vogelperspektiven tausend und tausender wandernder Herdentiere kommt man aus dem Staunen nicht heraus, was die Erde alles hervorbringt und wie selten und wertvoll die kurzen Momente sind, welche die Kameras eingefangen haben; wahrscheinlich nach wochen- und monatelangem Warten auf genau jenen Moment. Man fühlt sich als Zuschauer dem BBC-Team zu Dank verpflichtet dafür, daß sie unbekannte (nur im Making Of teilweise enthüllte) Entbehrungen auf sich genommen haben, um uns die Wunder der Erde zu zeigen, wie wir sie noch nie gesehen haben. Einer Erde, die bezeichnenderweise den Menschen nicht einzuschließen scheint. Einer Erde, deren Schönheit menschenleer ist. 2008-02-04 12:48

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