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Talk to Me

USA 2007. R: Kasi Lemmons. B: Michael Genet, Rick Famuyiwa. K: Stéphane Fontaine. S: Terilyn Shropshire. M: Terence Blanchard. P: Sidney Kimmel Entertainment, Mark Gordon u.a. D: Don Cheadle, Benz Antoine, Chiwetel Ejiofor u.a.
118 Min. Central ab 7.2.08

Black Äther

Von Dietrich Brüggemann Im amerikanischen Kontext gilt Hollywood ja allgemein als liberal und progressiv, aber wenn es um die harten Fakten geht, nämlich darum, wer welche Jobs kriegt, ist es immer noch weiß, konservativ und leicht senil. Kasi Lemmons gehört als Frau und als Schwarze gleich zu zwei Randgruppen, deren jede man unter Hollywoods Regisseuren mit der Lupe suchen kann. Doch zugleich war sie damit vermutlich die einzig richtige für den Job, um den es hier ging.

»Petey« Greene war in den 1960ern als Radiomoderator in Amerika eine Berühmtheit. Er kam aus dem Knast, bekam seine Chance am Mikrophon, und schon bald liebten ihn die Leute, vor allem aus der schwarzen Community, weil er der einzige war, der kein Blatt vor den Mund nahm. Als Martin Luther King erschossen wurde und Washington in Flammen aufzugehen drohte, war er es, der die richtigen Worte fand und die aufgebrachten Menschenmengen über den Äther besänftigte. Zugleich war er zeitlebens ein Großmaul, das sich vor allem unter Alkoholeinfluß gern danebenbenahm. So ein Leben bietet genug Stoff für die Sorte Kino, wie Amerika sie liebt: Große Geschichten aus der eigenen Geschichte, Aufstieg und Fall einer charismatischen Figur, die wirklich mal gelebt hat, eine Handvoll griffiger Charaktere aus dem wahren Leben, fest verwurzelt in einer Epoche, die auf der Leinwand akribisch genau zum Leben erweckt wird. Das können sie, die Amis, aber die Europäer wollen von solchen Filmen oft nichts wissen, weil sie zu oft pathetische Selbstvergewisserungsmelodramen gesehen haben, bei denen man sich immer ein wenig fühlte wie auf einer Familienfeier, bei der man nichts zu suchen hat.

Talk To Me ist zum Glück anders. Der Film ist erfreulich unpathetisch und zeigt seine Hauptfigur aus erfreulich unparteiischer Distanz. Kasi Lemmons weiß, wovon sie erzählt, wenn sie die schwarze Community im Washington der 1960er zeigt – da ist nichts behauptet, da fühlt sich nichts falsch an. Und sie läuft, eventuell weil sie eine Frau ist, an keiner Stelle Gefahr, ihren Helden zum Heiland zu stilisieren, der auch in seinen Schwächen noch messianische Größe hat. Don Cheadle ist zwar der Star, er spielt seine Rolle virtuos, aber er macht sich nicht breit. Chiwetel Ejiofor als sein Entdecker und Förderer ist ein gleichwertiger Partner, und an erster Stelle steht erfreulicherweise die Geschichte. Die hat ihren Höhepunkt bei den Krawallen nach dem King-Attentat, da findet der Film zu einigen Momenten von wahrer Größe. Danach könnte es aufhören, da verläppert es sich ein wenig, da weiß der Film nicht so recht, wohin mit sich, wie es ja im wirklich Leben nach großen Momenten auch manchmal ist. Trotzdem ist Talk To Me ein sehenswerter Film – vielleicht kein großer, aber ein sympathischer. 2008-02-04 12:48

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #49.

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