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Cloverfield

USA 2007. R: Matt Reeves. B: Drew Goddard. K: Michael Bonvillain. S: Kevin Stitt. P: Bad Robot. D: Michael Stahl-David, Mike Vogel, T. J. Miller, Lizzy Caplan, Jessica Lucas, Odette Yustman u.a.
85 Minuten. Universal ab 31.1.08

Froschperspektive

Von Oliver Nöding »Die Menschen müssen das sehen«, sagt Hud, der mit der Videokamera festhält, wie Manhattan von einem gigantischen Ungeheuer dem Erdboden gleichgemacht wird. Damit paraphrasiert er nicht nur das Versprechen der Marketingabteilung, die für die Cloverfield-Kampagne alle Register gezogen hat, um die Menschen ins Kino zu locken, er knüpft auch unmittelbar an die Lesart an, die nach I am Legend nun schon zum zweiten Mal in diesem Jahr das größte amerikanische Trauma der Gegenwart zum Thema eines Genrefilms macht. Der Monsterfilm scheint sich für solche Allegorien besonders gut zu eignen. Frei nach dem Wortstamm »demonstrare« begreift der Zuschauer das Monster automatisch als Zeichen für etwas anderes. Das funktionierte schon 1954 mit Inoshiro Hondas Godzilla, der personifizierten atomaren Bedrohung, der für Cloverfield Pate stand.

Am Vorabend seiner Abreise nach Japan (!), wo Rob einen neuen Job antreten soll, veranstalten seine besten Freunde eine Überraschungsparty. Die Videokamera ist immer dabei, auch als eine gewaltige Explosion das Appartement erschüttert. Wenig später ist klar, daß hier keine weltlichen Kräfte am Werk sind: Ein Monstrum stapft durch Manhattan und zerstört alles, was sich ihm in den Weg stellt. Die Stadt soll evakuiert werden, doch Rob hat noch etwas zu erledigen: Seine große Liebe Liz liegt eingeklemmt in ihrer Wohnung, und er wird die Stadt nicht ohne sie verlassen.

Hollywoods neues Wunderkind J. J. Abrams verbindet in Cloverfield zwei Ansätze, die auf den ersten Blick diametral entgegengesetzt scheinen: den authentifizierenden Charakter durch das »uninszenierte« Bild einer Videokamera mit all ihren Drop-outs und Wacklern und das große Eventkino, das vor allem durch seine Künstlichkeit und Zeigefreude besticht. Anders als in The Blair Witch Project (von dessen Marketingkampagne sich Cloverfield einiges geborgt hat), dessen Strategie ja gerade die Verweigerung des Zeigens war, setzen Regisseur Reeves und Produzent Abrams ganz auf die Überwältigung. Der Blick durch das Objektiv der Kamera versetzt den Zuschauer in die Froschperspektive, aus der er der Zerstörung New Yorks beiwohnt, zwischen den Türmen der Wolkenkratzer immer nur einen kurzen Blick auf das Ungeheuer erhascht, von dem niemand weiß, was es ist und woher es gekommen ist. Aber das ist durchaus Programm: Es ist das personifizierte Irrationale, die aus heiterem Himmel hereinbrechende Katastrophe. Wenn die Protagonisten gleich zu Beginn in einer Wolke aus Staub und Asche stehen, dann muß dieses Bild gar nicht mehr erklärt werden, so sehr hat es sich in unser Gedächtnis eingebrannt. In Cloverfield jedoch scheint der Schrecken, der damals in den Straßenschluchten geherrscht haben muß, zum ersten Mal nachfühlbar. Anders als in anderen Monster- oder Katastrophenfilmen beobachtet man das Treiben eben nicht mehr aus sicherer Distanz, man ist selbst auf der Flucht vor den alles zermalmenden Klauen, den vom Himmel krachenden Trümmern, dem Dauerfeuer der amerikanischen Armee, sieht sich selbst inmitten eines riesigen Schlachtfelds, aus dem kein Entrinnen mehr denkbar scheint. Der Erfolg von Cloverfield liegt darin begründet, daß er eben nicht von seiner Kreatur besessen ist (wie etwa Roland Emmerich mit seinem Versuch, Godzilla auch für den amerikanischen Markt nutzbar zu machen), sondern von seinen Protagonisten: normalen Menschen, die in eine Situation geraten, die so viel größer ist als sie selbst. Cloverfield muß man emotional aufnehmen und ganz und gar akzeptieren, weil es gar nichts zu verstehen gibt. Wem das gelingt, den trifft er mit immenser Wucht und läßt ihn auch noch Tage nach dem Kinobesuch nicht los. 2008-01-31 16:24
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