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Holunderblüte

D 2007. R,B: Volker Koepp. B: Barbara Frankenstein. K: Thomas Plenert. S: Beatrice Babin. M: Rainer Böhm, Katharina Thomas. P: Vineta Film, Mitteldeutscher Rundfunk u.a.
89 Min. Edition Salzgeber ab 24.1.08

Wir waren Kinder mit unserem Herzen

Von Martin Thomson Manchmal läßt sich aus dem schmerzvollen Alltagsgeschehen mit all seinen Zweifeln, Kriegen, zerstörten Hoffnungen und Unehrlichkeiten der Eindruck gewinnen, daß das Erwachsenendasein wahrscheinlich nur ein Irrtum der Natur gewesen sein muß. Jedenfalls ist das der Eindruck, der sich aus Volker Koepps Holunderblüte schließen läßt. Ganz unfreiwillig fühlt sich der Zuschauer in eine Welt zurückversetzt, in der einem das Kratzen eines Wasserfarbe-Pinsels auf Papier oder die Berührung eines atmenden Tieres schon das reine Glück bedeuten konnte. Mit Holunderblüte begibt sich der Dokumentarfilmer auf die Reise in das nördliche Ostpreußen, nach Kaliningrad, einer vermeintlich von Hoffnung und Zuversicht verlassenen russischen Enklave. Doch statt sich des üblich gewordenen Betroffenheitstonfalls anzuschließen, der bei Produktionen, die sich den Armenviertel dieser Welt widmen, üblich geworden ist, scheint Koepp das Ziel verfolgt zu haben, inmitten eines trostlosen Ortes einen Film über die Hoffnung zu inszenieren.

Dieses Vorhaben gelingt ihm, indem er den Blick der Kamera auf die freudigen Gesichter spielender Kinder beschränkt und Erwachsene nur aus der kreativen Verarbeitung in Form von Malerei oder Kriegsspielen, aus Erzählungen und Anekdoten der dargestellten Jungen und Mädchen heraus begreift. Nur zweimal werden Erwachsene in einer Umgebung sichtbar, die so leer an Volljährigen ist wie eine »Peanuts«-Folge: als vom Alkoholismus gezeichnete Verirrte und während einer Einschulungszeremonie, bei der die russische Nationalhymne gespielt wird und die darin enthaltene Textzeile über die »von Vätern gegebene Weisheit« wie die reine Ironie anmutet; denn letztlich sind es die Kinder, nicht die Väter, die aus der ihnen gegebenen Schönheit der Natur und all ihrer Eigenarten ihre hoffnungsvollen Träume vom Glück formen und sie sich, im Gegensatz zu den längst gebrochenen Erwachsenen, bewahren konnten.

Zwischen dem Anblick teils glücklicher, teils zutiefst verstörter Kinderaugen, die von ihren Eltern verlassen und vom System ignoriert wurden, mischt Koepp mit träumerischen Akkordeonklängen unterlegte Bilder der umliegenden Natur in den vier Jahreszeiten. In sich ruhende Panoramen, die ähnlich unberührt erscheinen wie das junge Leben der Protagonisten, dessen Schilderung von dem Gedicht »Die Daubas« von Johannes Bobrowski eingerahmt ist, das laut Aussage des Regisseurs inspiratives Moment für Holunderblüte war. Darin geht es um einen jungen Knaben, der sich in einen Holunderbaum verliebt, dessen Blüten am Herz eines kleinen Mädchens hängen: »Eigentlich heiße ich Erinnerung / ich bin es / die in dem Baum sitzt / und wächst / und wächst / ich kann mich erinnern / ich kann erzählen.« 2008-01-28 10:14
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