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Mondkalb

D 2007. R,B: Sylke Enders. K: Frank Amann. S: Dietmar Kraus. M: Bert Wrede. P: Beaglefilms Filmproduktions GmbH. D: Juliane Köhler, Axel Prahl, Leonard Carow, Ronald Kukulies, Niels Bormann u.a.
104 Min. X Verleih ab 31.1.08

Einsame Menschen

Von Mark Stöhr Tom ist da und auch nicht. Er taucht plötzlich auf und ist genauso schnell wieder weg. Er will in den Arm genommen werden und wehrt sich gegen jede zu lange Umarmung. Ein stummer Geist, der nicht zu fassen ist. Und der jede Menge Unfug macht: da eine Zündelei, dort ein umgeschmissener Stuhl. Bloß ein ungezogenes Kind mit schlechten Manieren? Doch der Zwölfjährige ist mehr als das, Tür um Tür öffnet sich Alex ein Zugang zu seiner tiefen Traumatisierung. Sie selbst ist in die brandenburgische Kleinstadt gezogen, um die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Ihr Leben ist wie zugeparkt, kein Vor und kein Zurück, eine verpuppte Existenz, die sich erst selber neu kennen lernen muß, bevor sie die Bekanntschaft von anderen macht. Doch Tom klebt wie Pech an ihr und hält sich an keine Regeln. Und auch Piet, sein Vater, weicht ihr bald nicht mehr von der Seite. Ein plappriger Fahrlehrer, der mit grenzenloser Geduld die Verstocktheit seines Sohnes erträgt. Denkt man erst, ist aber dann doch ganz anders.

Sylke Enders bringt drei einsame Menschen zusammen, die nichts dringender bräuchten als ein vertrautes Gegenüber und nicht aus ihrer Haut kommen. Immer wieder machen sie einen Schritt nach draußen und schnellen beim kleinsten Windhauch wieder zurück. Der Film kreist mit großer Subtilität und psychologischem Feinsinn um seine zögerlichen und verstörten Protagonisten und passt sich ihrem Tempo an. Dialoge versanden oft im Schweigen, weil mal wieder das passende Wort fehlt oder ein zu großes Risiko bedeutet, dann wieder zieht Piet das Gespräch an sich, macht einen Witz und eröffnet ein Feuerwerk der frechen Repliken. Fast in jeder Szene gibt es einen solchen Moment, wo sich für kurze Zeit der Vorhang öffnet, wo Juliane Köhler, die die Alex spielt, in ihr Lächeln das ganze Glück legt, das möglich wäre, und Axel Prahl als Piet den verlegenen wie vorwitzigen Kavalier gibt. Schwermut und Leichtigkeit auf so kleinem Raum zu ebenbürtigen Partnern zu machen, im Einklang mit den Charakteren und der Dramaturgie, ist eine große Kunst. Sylke Enders und ihre Akteure beherrschen sie fast perfekt.

Der Balanceakt trägt durch den ganzen Film. In wohlproportionierten Dosen packen die Figuren ihre Wahrheiten auf den Tisch: Alex hat ihren Mann halb totgeschlagen und kommt frisch aus dem Gefängnis, Piets Frau hat sich aufgehängt und wurde von Tom gefunden. Eine solche tonnenschwere Backstory hätte manch anderen Film erschlagen und von Beginn an mumifiziert. Mondkalb schöpft aus dieser Hypothek Energie und bringt die Erstarrung zum Spielen. Das ist vielleicht das größte Kompliment, das man dem Film machen kann. 2008-01-31 15:16
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