— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Das Vermächtnis des geheimen Buches

National Treasure: Book of Secrets. USA 2007. R: Jon Turteltaub. B: Cormac Wibberley, Marianne Wibberley. K: Amir M. Mokri, John Schwartzman. S: William Goldenberg, David Rennie. M: Trevor Rabin. P: Jerry Bruckheimer Films u.a. D: Nicolas Cage, Diane Kruger, Jon Voight, Harvey Keitel u.a.
124 Min. Walt Disney ab 24.1.08

Familientherapie

Von Oliver Nöding Die Ehre der Familie Gates steht auf dem Spiel: Vorfahre Thomas soll angeblich ein Kollaborateur des Präsidentenmörders Booth gewesen sein. Dies geht jedenfalls aus einer Tagebuchnotiz Booths hervor, die sich im Besitz des undurchschaubaren Mitch Wilkinson befindet. Ben Franklin Gates und sein Vater Patrick sind schockiert und setzen alles daran, den Ruf ihrer Familie wiederherzustellen. Dazu müssen wieder einmal diverse Codes geknackt, Puzzles gelöst, der Präsident entführt und das geheime Buch der Präsidenten, das die Antwort auf alle ungelösten nationalen Mysterien enthalten soll, gefunden werden. Die Spur führt die Schatzsucher schließlich zur sagenumwobenen Stadt Cibola, die die amerikanischen Ureinwohner einst aus purem Gold erbauten.

Das Vermächtnis des geheimen Buches, die Fortsetzung zu Das Vermächtnis der Tempelritter von 2004, geht den dort eingeschlagenen Weg beharrlich weiter, verläßt sich ganz auf die schon einmal erfolgreiche Mischung aus dem Rätselraten und Location-Hopping der Indiana-Jones-Filme, der ungebrochenen Popularität von Verschwörungstheorien, sanftem Edutainment und leichtem Humor. Das Vermächtnis des geheimen Buches ist zuerst einmal ein nach vielfach erprobtem Rezept zusammengerührtes Unterhaltungskino. Doch so wie sich das Privatanliegen der Familie Gates zur nationalen Krise ausweitet, so ist auch Turteltaubs Film längst nicht so flach wie es zunächst den Anschein hat: Anders als in Spielbergs berühmter Abenteuerserie steht die Suche nach dem Schatz hier nämlich nicht nur für sich, vielmehr ist sie als Suche nach Identität – nationaler wie individueller – konnotiert. Wenn Ben Gates sich im ersten Teil auf die Suche nach dem Schatz der Templer machte, so steckte dahinter vor allem das Bedürfnis, sowohl die eigene Genese – Gates ist Nachfahre der Templer – als auch die der amerikanischen Nation – die Gründungsväter der USA waren ebenfalls Templer – nachzuvollziehen. In der Fortsetzung zum Blockbuster wird dieser Subtext nun an die Oberfläche geholt. Die Reise durch die USA ist für alle Teilnehmer nicht zuletzt eine Familienzusammenführung: Ben versöhnt sich mit seiner großen Liebe Abigail, sein Vater Patrick mit seiner geschiedenen Frau Emily, und Mitch Wilkinson will den Namen seiner eigenen Familie unsterblich machen und untrennbar mit der amerikanischen Geschichte verknüpfen. Das Ziel dieser Bemühungen liegt wie schon im ersten Teil im Untergrund verborgen, geschützt hinter zahlreichen Fallen, die nur im Familienverbund überwunden werden können. Historie ist in Turteltaubs Film kein abstraktes Konstrukt, sondern immer das Ergebnis konkreter individueller Entscheidungen und Handlungen. So läßt sich auch die Geschichte der USA als Familiengeschichte lesen, als Resultat eines psychologischen Prozesses: »Du bist die USA«, scheint Turteltaubs Film seine Zuschauer erinnern zu wollen. Die Skepsis, die dem Vorgänger noch zu eigen war und die postmoderne Krise widerspiegelte – Zeichen führten immer nur zu neuen Zeichen, niemals zur »Wahrheit« – ist verschwunden, an ihre Stelle sind einmal mehr die bekannten amerikanischen Werte getreten: Rechtschaffenheit, Durchhaltevermögen und Ehrlichkeit bringen einen weiter als schnöde Zweifel.

Man erkennt den aufklärerischen Gestus, der hinter Turteltaubs Film steht, das Bedürfnis nach starken Persönlichkeiten, nach Visionären, die die Geschicke des Landes in ihre Hand nehmen. Die Nationalhelden Lincoln, Washington und Franklin sind allgegenwärtig, das Finale spielt unter den Porträts des Mount Rushmore. Rückbesinnung scheint das Motto sowohl Turteltaubs als auch seiner Protagonisten zu sein, das den Film vor einem Absturz in einen bloß affirmativen Patriotismus bewahrt. Das spiegelt sich auch seiner Inszenierung wider, die beinahe altmodisch anmutet: Turteltaub vertraut seinen Akteuren mehr als großen Effekten. Erst am Ende verwandelt sich sein Film pflichtschuldig in das Spektakel, das er verspricht. So ist Das Vermächtnis des geheimen Buches zwar ein ausgesprochen angenehmer Unterhaltungsfilm geworden, der nur wenig mit den üblichen überproportionierten Überrumpelungsmaschinen aus Hollywood gemein hat, aber leider auch einer, dem etwas mehr inszenatorisches Profil gut zu Gesicht gestanden hätte. Vielleicht ist Turteltaub ebenfalls noch auf der Suche nach seiner Identität. 2008-01-21 17:38
© 2012, Schnitt Online

Sitemap