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Leergut

Vratné Lahve. CZ 2007. R: Jan Sverák. B: Zdenek Sverák. K: Vladimír Smutny. S: Alois Fisárek. M: Ondrej Soukup. P: Biograf Jan Sverák, Phoenix Film Investments u.a. D: Zdenek Sverák, Daniela Kolarova, Tatiana Vilhelmova u.a.
103 Min. Kool ab 24.1.08

Neuanfang mit Altglas

Von Jutta Klocke Zu den anderen Alten, die bloß im Park einherschlurfen und ihn solidarisch einladen mitzumachen, will Beppo nicht gehören. Mit den Jungen kann er allerdings auch nicht mehr mithalten: Die fehlenden Umgangsformen seiner Schüler bringen den ergrauten Lehrer dazu, seine Stelle zu kündigen, und der erste neue Job als Fahrradkurier scheitert an seiner nicht mehr allzu ausgeprägten Fitness. Als aber der perfekte Zeitvertreib gefunden ist, findet Beppo sein eigenes Tempo – und auch sein recht eigenwilliges Ego – wieder.

Die Leergutannahme eines Supermarktes wird zum Hort des fürsorglichen Miteinanders, die letzte Bastion der aussterbenden Tante-Emma-Langsamkeit. Dabei ist es neben den skurrilen, aber nicht überzeichneten Figuren auch dem Wesen des Protagonisten zu verdanken, daß es am Flaschenfenster nicht bis ins Rührselige menschelt. Denn Beppo hat nicht nur Pläne, wie den anderen das Glück ins triste Leben zu zaubern ist. Er hat auch ganz eigene Fantasien – Träume von jungen und älteren Damen in einsamen Zugabteilen – die er trotz seiner langen Ehe nicht abschütteln kann. Von der moralischen Unantastbarkeit eines reinen Gutmenschen ist der Schwerenöter also weit entfernt.

Beppos Ichbezogenheit öffnet einer differenzierteren Dimension die Pforten: Während der Gatte im Mikrokosmos des Pfandschalters ganz aufgeht, verkümmert daheim die zurückgelassene Ehefrau. Indem sich der Kreis der Erzählung zunehmend enger um das Paar selbst schließt und so die Beziehung der beiden am Ende inhaltlich wie auch ganz bildhaft im Zentrum steht, geht Leergut weder trotzig noch beschönigend über die üblichen Plattitüden zum Lebensabend hinweg. Wenn hier etwas über »das Alter« zu erfahren wäre, dann die Tatsache, daß sich Langverheiratete in ihren Freuden und Sorgen kaum von jüngeren Paaren unterscheiden.

Mit ihrem widerspenstigen Helden haben der Regisseur Jan Sverák und sein Vater Zdenek (Drehbuch und Hauptdarsteller) einen würdigen Vertreter für den letzten Teil ihrer »Trilogie der Lebensalter« geschaffen. Nach der Kindheit in Obecná skola und dem Erwachsenwerden in Kolya sind sie nun in der Nähe des Endes angekommen, beim allmählichen Abschiednehmen, das aber keinen fatalistischen Unterton enthält. Der Tod dräut nicht unentwegt über der Handlung; er kommt nur als möglicher Ausgang einer brenzligen Situation am Schluß ins Spiel. Er bleibt also lediglich ein Mittel zum gängigen Spannungsaufbau wie bei Geschichten aus vitaleren Lebensabschnitten und wird somit seiner Dominanz über das Alter beraubt. Die Gedanken ans Sterben kommen sicher noch früh genug; davor aber, so zeigt es Leergut im heiteren Gewand, sind noch genügend andere Probleme zu lösen. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #49.
© 2012, Schnitt Online

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