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Hope

D/P 2007. R: Stanislaw Mucha. B: Krzysztof Piesiewicz. K: Krzysztof Ptak. S: Vessela Martschewski. M: Max Richter. P: Pandora Filmproduktions GmbH, Pandora Film, Studio Filmowe Kalejdoskop. D: Rafal Fudalej, Zbigniew Zapasiewicz, Zbigniew Zamachowski, Borys Szyc, Kamila Baar u.a.
101 Min. Pandora ab 17.1.08

Ein gestohlener Engel

Von Ines Schneider Man kommt aus Stanislaw Muchas Film Hope nicht mit dem Eindruck, eine Geschichte gesehen zu haben, sondern mit der nicht ganz neuen Erkenntnis, daß jede Geschichte nur ein kleiner Teil aus einem unübersehbar großen Gespinst aus Erlebnissen und Beziehungen ist. In diesem Film gibt es, ausgehend von einem gestohlenen Bild, mehrere Handlungsfäden, von denen einige weitergesponnen, andere vernachlässigt und wieder andere sofort wieder fallengelassen werden. Jeder kleine Abschnitt wäre es wert, erzählt zu werden, doch der Autor einer Geschichte muß sich immer auf einige wenige beschränken.

Das System, nach dem Mucha, bzw. sein Drehbuchautor Krzysztof Piesiewicz, die vielen Erzählstränge aufnimmt oder fallenläßt, wirkt ziemlich willkürlich. Der ungefähr 20jährige Frantisek kann beweisen, daß ein angesehener Kunsthändler ein bedeutendes Werk, den »Engel mit der Geige«, aus einer Kirche gestohlen hat. Mit seinem Wissen erpreßt der junge Mann den Dieb. Er verlangt, daß das Bild ohne Aufsehen wieder an seinen Platz gehängt wird, denn der blonde Engel erinnert Frantiseks Vater an seine Frau, die er bei einem Unfall verloren hat. Dies ist der Hauptteil der Erzählung, doch werden noch die Schuldgefühle eines älteren Bruders, der sich für den Unfall verantwortlich fühlt und daraufhin zum Mörder wurde, die Beziehung der Tochter des Kunsthändlers zu Frantisek, die Gewissensnöte des Kunsthändlers, Frantiseks Lebensgefühl, der Berufsethos eines Hehlers und vieles mehr umrissen. Einzelne Szene verweisen darauf, daß sich die Geschichte des Bildes auch in Richtungen fortsetzt, in die Frantisek ihr nicht folgen kann. Von einigen Auswirkungen seiner Handlung wird er nie erfahren, wie vom Tod des Hehlers, der erschossen wird, weil er sich die gestohlene Ware wieder hat abhandeln lassen. Doch durch diese Fülle von Episoden wirkt der Aufbau von Hope unentschlossen und unausgewogen. Frantiseks Bruder, der im Gefängnis offenbar mehrere Selbstmordversuche verübt hat und sich mit Büchern über das Weltall versorgen läßt, die Enkelin des Hehlers, die Zeugin seiner Ermordung wird, oder eine junge Hure, bei der der Kunsthändler Vergessen sucht, bleiben nur verwirrende Andeutungen, statt zu selbständigen Figuren zu werden, deren Schicksal man gern weiterverfolgen würde. Auch eine bestimmte Form von »Hoffnung« läßt sich schwer finden. Allein Frantiseks neues Auto hat das Kennzeichen HO-PE, aber auch das nur in einer einzigen Einstellung.

Angenehm zurückhaltend ist die Ausstattung und die damit erzeugte Atmosphäre. Frantisek wagt sich in die Welt des organisierten Kunstdiebstahls. Dies ist eine gefährliche Welt, in der durchaus rohe Gewalt angewendet wird. Doch er bewegt sich durch so harmlos aussehende, sonnige Wohngebiete und Räume voller Alltagsgegenstände, daß der Zuschauer hier keine Bedrohung vermutet. Er bekommt davon erst eine Ahnung, als vor dem niedrigen Gartenzaun Frantiseks Auto explodiert. Es ist erstaunlich, wie sehr man sich an die Signale gewöhnt hat, die schon in jedem Fernsehkrimi die nahende Gefahr ankündigen. Fehlt ein Zwischenschnitt auf eine Hand, die sich des nachts an den Kabeln des Wagens zu schaffen macht, oder gibt es statt einiger bedrohlicher Klänge auf der Tonspur nur Vogelgezwitscher, dann trifft den Kinobesucher die Explosion völlig unerwartet.

Eine Stärke des Films sind seine langen Einstellungen und ruhigen Kamerabewegungen. Der Regisseur läßt sich Zeit damit, die Geschichte vor dem Zuschauer auszubreiten. Leider verläßt er sich nicht immer auf die Kraft seiner Bilder. Einige Szenen hätten ohne die vermeintlich klärenden Dialogzeilen eine stärke Wirkung entfaltet.

Ganz nebenbei gestattet Mucha dem Betrachter auch einen Blick auf das heutige Polen. Er kennt eindeutig die vage Vorstellung vieler Zuschauer, die sich Polen vor allem als vom Katholizismus geprägtes, reaktionäres Land vorstellen und unterläuft sie ganz ohne großen Aufwand. Der Kamerablick muß nur ein wenig zur Seite schwenken, schon sieht man, daß der Priester ein Handy in der Hand hält und Turnschuhe trägt, die alte hölzerne Kirche in einem adretten Vorort steht und die sakralen Kunstwerke in einer chicen Kunstgalerie angeboten werden. Neben der Galerie befinden sich stilvoll ausgestattete Cafés, in denen sich junge Menschen in teuren Anzügen treffen und ihre Laptops öffnen, wie in vielen anderen europäischen Städten auch. 2008-01-14 10:19

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