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Drachenläufer

Kite Runner. USA 2007. R: Marc Forster. B: David Benioff. K: Roberto Schaefer. S: Matt Chesse. M: Alberto Iglesias. P: Wonderland Films, Parkes Productions D: Khalid Abdalla, Homayon Ershadi, Atossa Leoni u.a.
122 Min. Universal ab 17.1.08

Kabulwood

Von Marieke Steinhoff Die kritische Auseinandersetzung mit der emischen und der etischen Perspektive findet immer noch recht selten Eingang in die Rezeption von fiktiven Formaten. Besonders dann, wenn ein sentimentaler Plot im Zentrum des Films steht, der unabhängig von den kulturellen Gegebenheiten überall auf der Welt stattfinden könnte, scheint die Frage nach Fremd- oder Selbstdarstellung von geringem Interesse. Wird eine Geschichte aber kulturell und geographisch explizit verortet, kann der Blick von außen einstweilen verheerende Folgen haben: Exotismus, Stereotypisierung und marketingtaugliche Schockerszenen sind nur einige der Mittel, das vermeintlich Fremde auszuschlachten und jegliche Einsicht und Einfühlung in die gezeigte Kultur im Keim zu ersticken.

Drachenläufer bewegt sich auf einem schmalen Grat zwischen bemühter Authentizität und Exotismus. Der Plot: Sentimental, streckenweise kitschig. Der Buchvorlage des afghanischen Schriftstellers Khaled Hosseini wurden hauptsächlich die emotionalen Momente entnommen, in denen universelle Themen wie Schuld und Vergebung, Liebe und Haß anklingen, welche, gepreßt in die übliche Hollywoodsche Spannungsdramaturgie, zum immergleichen Motiv der Wiedergutmachung verschmelzen. Die vielen wissenswerten Informationen rund um Geschichte und Politik Afghanistans bleiben demgegenüber ganz am Rande, werden hier und da mal in die Dialoge eingestreut und verkommen so – wie der Schauplatz Kabul – zur Kulisse. Der Score: Ein merkwürdiger Mix aus traditioneller arabischer Musik und üblicher Hollywood-Orchestrierung, perkussive Klänge der Darbuka vermischen sich hier mit aufjaulenden E-Gitarren, die dramatische Orchestrierung untermalt penetrant das Geschehen und zielt auf den maximalen melodramatischen Effekt. Der Cast: afghanische Laiendarsteller und Hollywood-Schauspieler. Auch hier also der versuchte Spagat zwischen Orient und Okzident, Dokumentarismus und Hochglanzfiktion.

Woran Drachenläufer neben der Tendenz zum exotischen Melodram aber am meisten krankt, ist das Unvermögen, zu berühren. Viele Szenen, wie die Flucht nach Pakistan im verschlossenen Schmuggler-Laster, sind bloß oberflächliche Abziehbilder von früheren Afghanistan-Filmen, insbesondere dem großartigen In this World von Michael Winterbottom. Was Drachenläufer fehlt, ist das Gefühl, Anteil zu nehmen, und so wirken viele Szenen, die das Grauen der Flucht oder den Horror der Fremdherrschaft durch die Taliban versinnbildlichen sollen, nur wie eine Aneinanderreihung von Alptraumbildern, die in den schwächsten Momenten des Films sogar zur Peinlichkeit verkommen. 2008-01-14 11:09

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #49.
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