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I am Legend

USA 2007. R: Francis Lawrence. B: Mark Protosevich, Akiva Goldsman. K: Andrew Lesnie. S: Wayne Wahrman. M: James Newton Howard. P: Weed Road, Overbook Entertainment. D: Will Smith, Alice Braga, Dash Mihok, Charlie Tahan u.a.
100 Minuten. Warner Bros ab 10.1.08

Der Letzte macht das Licht aus

Von Oliver Nöding In seinem Sportwagen rast Robert Neville durch die menschenleeren Straßen des zerstörten Manhattans, seinen treuen Freund, den Schäferhund Sam, auf dem Beifahrersitz. Die Straßen gehören Robert ganz allein, keine lästigen Ampeln, die ihn aufhalten, keine anderen Fahrzeuge, die ihm Platz wegnehmen. Doch plötzlich erregt etwas die Aufmerksamkeit des Hundes: Ein Rudel Rehe prescht durch die Häuserschluchten, schlägt Haken zwischen stehengebliebenen Autos, verschwindet hinter der nächsten Ecke. Neville tritt die Bremsen, reißt das Steuer herum: Die Erkundungsfahrt wird zur Jagd, der sprichwörtliche Großstadtdschungel ist ein echter geworden.

Es ist nicht zuletzt das Bild der leeren Großstadt, das Richard Mathesons Roman »Ich bin Legende« – die Geschichte des letzten Überlebenden einer Seuche, die alle Menschen entweder getötet oder in blutgierige Vampire verwandelt hat – für eine Verfilmung prädestiniert. Mutet die erste Adaption von 1964, The Last Man on Earth, noch wie ein Kammerspiel an (wohl auch, weil die Macher erkannt hatten, daß der Drehort Rom nur ein unzureichender New York-Ersatz war), schwelgte Der Omega-Mann 1971 umso ausgiebiger in Bildern urbaner Tristesse, diesmal in Los Angeles. I Am Legend kann mit Unterstützung moderner Technologie nun aus dem Vollen schöpfen und verwandelt Manhattan in einen gewaltigen Friedhof, der seinem letzten Bewohner eine schier unerschöpfliche Fülle an Möglichkeiten offenbart, die Zeit totzuschlagen. Der letzte Mensch der Welt ist kein Geringerer als Will Smith, der die Rolle von Vincent Price und Charlton Heston übernimmt. Keine kleine Aufgabe: Der Superstar muß den Film über weite Strecken ganz allein tragen und sich gegen die imposante Kulisse eines ausgestorbenen und von der Natur reokkupierten Manhattans behaupten, die ihn förmlich aufzusaugen und ihm die Show zu stehlen droht. I Am Legend: Daß ausgerechnet diese Adaption sich zum ersten Mal des Originaltitels von Mathesons Roman bedient, scheint fast programmatisch. Will Smith, die ultimative Entertainment-Waffe und – glaubt man dem Film – ideeller Nachfolger sowohl Eddie Murphys als auch Bob Marleys, braucht keine Nebendarsteller und spielt selbst die Skyscraper New Yorks an die Wand. Vielleicht ist das auch der Grund, warum man sich entschieden hat, die Vampire im Rechner zu erstellen: Da sie niemals die Materialität eines echten Schauspielers erreichen, wirkt Smith zwischen ihnen noch lebendiger. Doch so sehr alles an I Am Legend auch auf seinen Hauptdarsteller als Hauptattraktion gerichtet zu sein scheint, so sehr er diesen zum Popmessias stilisiert, es muß als Smiths größtes Verdienst angesehen werden, daß er sich in den Film integriert, anstatt ihn zu beherrschen. Sein Robert Neville ist weder der verbitterte Killer aus The Last Man on Earth noch der zynische Herrenmensch, als den Heston ihn in Der Omega-Mann interpretierte, sondern ein sehr verwundbarer und ängstlicher, gleichzeitig aber immer rational handelnder Charakter, der seinen Status als letzter Mensch vor allem als Verantwortung begreift. So wird auch der Titel von Mathesons Roman einer radikalen Neuinterpretation unterzogen: Die »Legende« besingt Neville nicht etwa als grausamen Vampirschlächter, sondern als Retter der Menschheit. Die Hoffnung auf die Wiedergeburt ist – ein kaum zu übersehender Trend im US-Kino – natürlich wieder einmal christlich fundiert und außerdem als endgültige Überwindung von 9/11 zu verstehen. Daß I Am Legend in New York spielt, auf das Smith als Neville einmal als »mein Ground Zero« referiert, spricht eine überdeutliche Sprache.

Trotz dieses Makels ist I Am Legend eine überaus sehenswerte Neuverfilmung eines Romans geworden, der seine Relevanz ganz offensichtlich immer noch nicht verloren hat. In seiner Darstellung von Einsamkeit und Isolation – also den zentralen Elementen des Stoffs – ist I Am Legend die visuell stärkste der drei Adaptionen, was nicht zuletzt der Effekttechnologie geschuldet ist: Das menschenleere Manhattan möchte man am liebsten auch abseits der Kamera erkunden. Nach dem zwar unterhaltsamen, aber ungemein albernen Constantine hat Regisseur Francis Lawrence eine sehr ausgewogene und vor allem ernste Arbeit vorgelegt, die die meisten Fettnäpfchen des gängigen Blockbusters geschickt vermeidet und als positive Überraschung verbucht werden muß. Ob Will Smith die prämortale Ernennung zur Legende rechtfertigt, wird die Zukunft erweisen: In I Am Legend beweist er erneut, daß er das Zeug dazu hat. 2008-01-10 12:38

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