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Ich weiß, wer mich getötet hat

I know who killed me. USA 2007. R: Chris Sivertson. B: Jeffrey Hammond. K: John R. Leonetti. S: Lawrence Jordan. M: Joel McNeely. P: 360 Pictures. D: Lindsay Lohan, Julia Ormond, Neal McDonough, Brian Geraghty u.a.
106 Min. Sony Pictures ab 3.1.08

Rumfortfilm

Von Eva Tüttelmann Auf nichts ist mehr Verlaß. Vor Zeiten konnte man sich an Inhaltsangabe und Genrebezeichnung orientieren, sich die Sache kurz durch den Kopf gehen lassen und dann entscheiden, ob man einen Film sehen mochte oder nicht. Oft fuhr man damit nicht eben schlecht, denn man kennt sich ja mit den Jahren ein bißchen aus mit dem eigenen Geschmack, hat so ein paar beliebte Themen und die auch noch meist in favorisierten Genres. Natürlich kommt es manchmal vor, daß man – obwohl bei der Filmauswahl im Vorfeld alles glatt zu laufen schien – enttäuscht wird, weil Schauspieler nicht optimal besetzt sind oder nicht so agieren, wie man es gerne hätte. Oder weil die Handlung zerpflückt wirkt, Zusammenhänge fehlen, der Fokus besser auf einem anderen Erzählstrang gelegen hätte. Oder weil der Schnitt eine Katastrophe ist, Kamera oder Soundtrack einen nerven. Man kann ja so viel falsch machen.

Ich weiß, wer mich getötet hat möchte ein Psychothriller sein. Die Voraussetzungen sind gegeben: Eine hübsche, erfolgreiche junge Frau verschwindet und gerät in die Hände eines fiesen Psychopathen, der ein Faible für kranke Folterspielchen hat. Ein paar Gliedmaßen später taucht die Vermißte wieder auf, behauptet aber – besonders mißlich für Eltern und Freund – gar nicht die hübsche, erfolgreiche junge Frau zu sein, sondern eine heiße Stripperin. Und einem Killer sei sie auch nie begegnet, nein, Finger, Hand und Bein fielen quasi spontan ab. Sehr rätselhaft und überaus unangenehm. Bereits hier hat der Film schon nicht mehr viel mit dem sogenannten Psychothriller zu tun, denn die Geschichte ist nicht spannend sondern hanebüchen, und sie lebt auch nicht von wohlplazierten Schockmomenten, sondern bewegt sich mit völlig übertriebenen Horrorelementen auf den Spuren derzeit beliebter, dumpfbackengerechter Folterspiele-Reihen wie Saw und Hostel.

Möglich, daß Ich weiß, wer mich getötet hat innerhalb dieses Genres und bei dieser Zielgruppe gar nicht schlecht angekommen wäre, hätte man die Schnippel- und Quälschiene ein bißchen mehr ausgereizt. Aber auch das verspielt sich Regisseur Chris Sivertson, indem er beispielsweise auf die Symbolik blauer Rosen setzt, die, gerade noch in voller Blüte, plötzlich ihre Blätter verlieren, als etwas Schlimmes geschieht. Und als wären symbolträchtige Blumen nicht schon albern genug, hält sich Stripperin Dakota plötzlich auch noch für stigmatisiert – es muß ja irgendeinen Grund dafür geben, warum ihr plötzlich Blut aus einer auf mysteriöse Weise aufgetretenen Wunde spritzt.

Es spricht letztendlich nichts dagegen, verschiedene Genres miteinander zu vermischen. Unter Köchen nennt man so etwas nicht Hybridbildung, sondern Fusion-Küche. Wirft man aber wahllos alles mit allem in den Topf, nur, weil es »rumliegt und fort muß«, dann will das nachher niemand mehr auslöffeln. Sivertson widerfährt mit Ich weiß, wer mich getötet hat Ähnliches. Er will alles, und was am Ende bleibt, ist irgendwie nichts, ist ein unansehnliches, völlig überwürztes Einerlei, das einen unangenehmen Nachgeschmack hinterläßt.

Die Inhaltsangabe verrät, daß Lindsay Lohan im vorliegenden Drama (diesem Genre ordnet wiederum der Verleih den Film zu) eine Doppelrolle besetzt, da möchte man natürlich gern wissen, was es damit auf sich hat. Während des Films will man das – die Erklärung könnte ja genauso absurd sein wie der Rest des Films – aber schon gar nicht mehr wissen, man möchte bloß, daß der Film endlich vorbei ist, und wenn man es dann weiß, wünscht man sich von Herzen, man tappte weiter im Dunkeln.

Nicht zuletzt enttäuscht Lindsay Lohan, die schon in vortrefflichen Ensembledramen unter Robert Altman und Emilio Estevez mitwirken durfte, jedoch in Ich weiß, wer mich getötet hat nicht überzeugen kann, da ihr Spiel sich qualitativ auf dem Niveau der Story bewegt. Im Vorfeld bezeichnete Lohan ihren neuen Film als »das Schweigen der Lämmer ihrer Generation«. Nun ja, nicht nur knapp daneben ist vorbei. Abschließend sei erwähnt, daß der Pressetextschreiber des deutschen Verleihs wirklich einen tollen Job macht: Man erwartet tatsächlich einen verwobenen Psychothriller. 2007-12-30 23:23
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