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Darjeeling Limited

The Darjeeling Limited. USA 2007. R,B: Wes Anderson. B: Roman Coppola, Jason Schwartzman. K: Robert D. Yeoman. S: Andrew Weisblum. P: Fox Searchlight Pictures, Scott Rudin Prods. D: Owen Wilson, Jason Schwartzman, Adrien Brody, Natalie Portman, Bill Murray u.a.
91 Min. Fox ab 3.1.08

How Can a Train Be Lost?

Von Sebastian Gosmann Von turbulenter Musik getrieben rast ein kleines schwarzes Taxi durch die übervölkerten Straßen einer indischen Stadt. Der Fahrgast im Fond des Wagens wirkt angespannt. Immer wieder wirft er besorgte Blicke durchs Heckfenster. Eine Verfolgungsjagd? Damit war nicht zu rechnen. Man wähnte sich glatt im falschen Film. Wäre der Typ auf dem Rücksitz nicht Bill Murray und hieße der Mann hinter der Kamera nicht Robert Yeoman.

Und wenn Murray dann kurze Zeit später auf dem Bahnsteig von seinem sonnenbebrillten Kollegen Adrien Brody überholt wird und mit ansehen muß, wie der – in der ersten von drei chiquen, von den entspannten Klängen der Kinks veredelten Zeitlupensequenzen – auf den fahrenden und titelgebenden Zug aufspringt, ist alles klar: Wes Anderson bleibt sich treu. Die geschmeidigen Kamerafahrten und die präzisen Schwenks, welche die streng arrangierten Cinemascope-Tableaus elegant miteinander verbinden, sind einfach unwiderstehlich. Nicht zu vergessen das (gewohnt) farbintensive Design des Zuginterieurs, das sich derart perfekt in die Szenerie einfügt, daß es fast scheint, als würde Andersons Kunst schlicht absorbiert werden von diesem kunterbunten Land. Dieser unverwechselbare visuelle Stil macht auch sein fünftes und vielleicht vollkommenstes Werk zu einem rauschenden Fest fürs Auge.

Nur schade irgendwie, daß Murray nicht auch noch mit darf auf die große spirituelle Wiedervereinigungstour quer durch Indien. Doch mit Neuling Brody und den Anderson-Buddies Owen Wilson und Jason Schwartzman ist das Abteil voll- und die Hauptrollen ausgezeichnet besetzt: Peter, Francis und Jack Whitman, drei ungleiche Brüder, die seit der Beerdigung ihres Vaters vor einem guten Jahr nichts mehr voneinander gehört haben und nun, an Bord des Darjeeling Limited, mit den Eigenarten des jeweils anderen konfrontiert werden. Eigentlich aber beginnt die Geschichte bereits ein paar Tage vor der Abreise des jüngsten der Brüder in Paris. Im Rahmen des bereits 2005 gedrehten elegischen Kurzfilms Hotel Chevalier nehmen wir teil an der letzten Zusammenkunft Jack Whitmans mit dessen verführerischer Exfreundin. Dieser 13minütige Prolog, vom Regisseur auch als »Part 1« bezeichnet, wird – zumindest in einigen Kinos – im Vorprogramm von Darjeeling Limited zu sehen sein.

Andersons Figuren sind verletzliche, labile Gestalten; versprengte Sonderlinge, die mit der Auflösung des Familienverbundes den Halt im Leben verloren haben und seitdem auf der Suche sind nach jener Nestwärme, die eben nur die Familie bieten kann. So führt der durch den Fortgang des treulosen Vaters eingeleitete Niedergang der Royal Tenenbaums gar zum Verlust der von Mama Etheline so vorbildlich geförderten Talente der drei hochbegabten Sprößlinge. Erst durch die Zusammenführung der leidgeprüften Familienmitglieder unter dem Dach ihres Elternhauses können sie sich von ihren psychischen Fesseln befreien. Und wenn keine Blutsverwandtschaft gegeben ist, dann müssen eben andere Formen des Zusammenlebens Geborgenheit spenden. Erinnert die komplizierte Dreierkonstellation in Rushmore nicht stark an das Konstrukt der modernen Patchwork-Familie? Und wem kommt bei Steve Zissous Wohnverhältnissen nicht unwillkürlich der Gedanke an eine – wenn auch etwas eigenartige – Großfamilie?

Die Geschichte um die Gebrüder Whitman nun reiht sich anstandslos ein in Andersons tragikomisches Panoptikum problembehafteter Familienverhältnisse. Und wie es sich gehört, tragen auch sie eine ganz schöne Last mit sich herum – womit jedoch nicht etwa ihr sage und schreibe elfteiliges Designerkofferset gemeint ist. Der Tod des Vaters ist noch nicht ansatzweise verarbeitet und ihre auf dessen Beerdigung absente Mutter verschollen. Zudem will Jack seine Exfreundin einfach nicht aus dem Kopf kriegen und hört zu jeder Gelegenheit ihren Anrufbeantworter ab, währenddessen sich der verheiratete Peter ununterbrochen mit der heiklen Frage herumquält, ob die von ihm gehegten Trennungspläne aufgrund der unplanmäßigen Schwangerschaft seiner Frau eine Änderung erfahren sollen. Und auch Francis, dem ältesten der Brüder, geht es eher bescheiden. Er ist bei einem schweren Motorradunfall um ein Haar dem Tod entronnen, und sein Gesicht seitdem grotesk bandagiert.

Zum Glück nehmen es die Inder in Sachen Medikamentenausgabe nicht ganz so genau – und so hat jeder der drei sein eigenes Mittelchen zur Symptombekämpfung im Gepäck, welche fortan wie selbstverständlich im Abteil herumgereicht werden. Man hat es förmlich vor Augen, wie das neben Anderson selbst aus Kumpel Jason Schwartzman und dessen Cousin Roman Coppola bestehende Autorenteam auf ihrer – tatsächlich unternommenen – Recherchereise im Speisewaggon der Darjeeling Himalayan Railway sitzen und bei einem Gläschen Sweet Lime derlei irrwitzige Ideen ausbrüten. An dieser Stelle geben sie nicht nur ein weiteres anschauliches Beispiel für den aparten Humor, der Andersons Filme auszeichnet; zugleich ist dieser zügellose Drogenkonsum die perfekte Versinnbildlichung der seelischen Verfaßtheit der Protagonisten. Und vermutlich ist es gar der damit verbundene Dauerdämmerzustand, der es den Whitmans überhaupt erst erlaubt, sich zumindest kurzfristig von ihren privaten Nöten ab- und dem eigentlichen Zweck der Reise zuzuwenden.

Doch am Ende wird es nicht die – mittels diverser Tempelbesuche und eines mysteriösen Meditationsrituals – krampfhaft heraufbeschworene Spiritualität sein, die zur Erleuchtung führt, sondern das gemeinsame Durchleben eines dramatischen Ereignisses, welches die nüchterne Realität für sie bereithält. 2008-01-14 12:47

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