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Comrades in Dreams

D 2006. R,B: Uli Gaulke. B: Jeanette Eggert. K: Axel Schneppat. S: Andrew Bird. M: Mark Orton. P: Flying Moon Filmproduktion.
100 Min. Flying Moon ab 3.1.07

Kino für die Welt

Von Lisa John Die Kolchose ordnet an: mal im Kino die neuesten Erntemethoden nachzuverfolgen, mal beim Genuß einer heimischen Filmproduktion dahinzuschmelzen, in der die Großeltern ihre Enkel per Foto verkuppeln wollen und das am Ende natürlich klappt. Wer kann schließlich einem KimChi-Forscher widerstehen, der koreanisches Kulturgut (eingelegten Chinakohl) weiterentwickelt, auf daß der Rest der Welt neidisch ist? Die eindeutig skurrilsten Szenen des Films in Nordkorea machen deutlich, daß es Unterschiede in der Rezeptionsweise von Filmen gibt. Aber welches verbindende Element bringt Menschen auf der ganzen Welt dazu, Kino zu einem wichtigen Bestandteil ihres Lebens zu machen? Uli Gaulke spürt diesem Phänomen nicht nur in Nordkorea, sondern auch in den USA, Burkina Faso und Indien nach.

Die größte Stärke des Films liegt in der einfühlsamen Begleitung seiner Hauptpersonen. Wenn Han Jong Sil, die nordkoreanische Filmvorführerin, am Picknicktisch anfängt, über den Tod ihres Führers (1994) zu weinen, gewinnt man einen Eindruck davon, wie das (Über-) Leben in einer Diktatur funktioniert. Während sie nur ein sehr begrenztes Kontingent an didaktisch wertvollen Filmen zeigen darf, unterliegen die übrigen Kinobesitzer anderen Zwängen. Woher bekommt man in Ouagadougou die neuesten Filmkopien? Wie sichert man das Bestehen seines kleinen Kinos in der nordamerikanischen Provinz? Und warum überhaupt ein Kino betreiben, wenn man sich damit kaum den Lebensunterhalt verdienen kann? Für die Protagonisten bedeutet dies die Erfüllung eines Traums, für den ungesicherte Lebensbedingungen in Kauf genommen werden müssen.

In Bezug auf die Zuschauer stellt sich vor allem bei den Bildern wartender Menschenmassen in Indien und Burkina Faso die Frage, was einen hungrigen Menschen dazu bewegt, sich statt Brot oder Reis eine Eintrittskarte ins Kino zu kaufen. Beschleicht einen dabei in manchen Fällen das Gefühl, Kino stelle eine Flucht aus der von Subsistenzwirtschaft geprägten Realität dar, greift diese Erklärung in Anbetracht der extrem unterschiedlichen wirtschaftlichen Situationen der Länder zu kurz. Vielmehr scheint Kino als gemeinschaftliches Erlebnis eine Rolle zu spielen. Der von allen gleichzeitig rezipierte Film macht aus dem Kino einen Ort des sozialen Austauschs. Filme bieten Träume, Fantasien und nicht zuletzt auch Gesprächsstoff.

Uli Gaulke setzt mit Comrades in Dreams all jenen Vorführern und Kinobesitzern ein Denkmal, die ihre Begeisterung für Filme teilen wollen. Dabei gelingt es ihm, diese Passion in lebendigen Bildern einzufangen und an die Zuschauer seines Films weiterzugeben. 2007-12-31 12:07
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