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Die Unerzogenen

D 2007. R,B: Pia Marais. B,M: Horst Markgraf. K: Diego Martínez Vignatti. S: Daniela Boch, Mona Bräuer. M: Jochen Arbeit. P: Pandora Film. D: Ceci Schmitz-Chuh, Birol Ünel, Pascale Schiller u.a.
95 Min. RealFiction ab 27.12.07

Kinder der Revolution

Von Marieke Steinhoff Jeanne und Stevie hätten sich bestimmt viel zu sagen: Beide leiden an Einsamkeit, an Wurzellosigkeit und fehlenden Grenzen, und beide sehnen sich nach einem Ankommen, einem Zuhause fernab vom unkonventionellen Lebensstil ihrer 68er Eltern. Vielleicht hat es Stevie nicht ganz so schwer wie Jeanne – immerhin sind ihre Eltern nur Kleinkriminelle mit Drogenproblemen und nicht Mitglieder einer politischen Terrororganisation – aber die Zerrissenheit zwischen dem Gefühl der Loyalität den Eltern gegenüber und dem Wunsch nach einem normalen Leben macht beiden Mädchen schwer zu schaffen. Leider werden sie sich nie über den Weg laufen, sind sie doch die Protagonistinnen zweier Filme, die sich zwar thematisch leicht auf einen gemeinsamen Punkt bringen lassen, aber ansonsten wenig miteinander zu tun haben.

Was Christian Petzold uns in seinem Terroristen-Drama Die innere Sicherheit in statischen, langsamen Einstellungen und dem Verweilen an unterschiedlichen Nicht-Orten über fehlende Normalität und Sozialisation in der schwierigen Phase der Adoleszenz und dem schweren Erbe der 68er-Bewegung erzählt, findet in Pia Marais' Debütfilm Die Unerzogenen eine ganz andere bildsprachliche Umsetzung. Der Erzählrhythmus ist schneller, und einzelne Szenen werden immer wieder durch abrupte Schnitte mitten im Dialog oder während des Ausführens einer Bewegung abgebrochen. Dieses Regiekonzept der Leerstellen und des plötzlichen Abbrechens von Szenen erschwert zwar anfänglich den Einstieg ins Filmgeschehen, die Thematik des Nichtankommens und des Ziellos-in-Bewegung-Seins, dessen sich besonders Stevie ausgesetzt sieht, wird so aber besonders fühlbar gemacht.

Daß der Film trotz dieser sehr unmittelbaren Einfühlung in Stevies Leiden am Nomadenleben ihrer Eltern nie schwermütig daherkommt, liegt zum großen Teil an der Tatsache, daß auch immer wieder herzhaft gelacht werden kann. Die wirklich katastrophalen Lebensumstände der Protagonisten werden durch skurrile Überhöhungen und absurde Dialoge teils entschärft, teils aber auch um so krasser hervorgehoben, was zur Folge hat, daß man als Zuschauer immer wieder die Seiten wechselt und keine klare Position zum Geschehen einnimmt.

Auch bei der Figurenzeichnung verzichtet Marais auf Eindimensionalität: Den brutalen und egozentrischen Momenten des Elternpaares folgen immer wieder Gesten hilfloser Zärtlichkeit, die von Stevie mal stillschweigend angenommen, mal vehement abgelehnt werden. Diese Vielschichtigkeit familiärer Beziehungen wird von dem Schauspieler-Trio Birol Ünel, Pascale Schiller und der jungen Ceci Schmitz-Schuh mit viel Leben gefüllt; aber auch die diversen Randfiguren – Kleinkriminelle und Drogenabhängige, die alle »einfach nur rumhängen« – sind sehr genaue Charakterstudien, denen man ihre latente Unzufriedenheit und Lethargie sofort glaubt.

Während es Jeanne nicht gelingen mag, sich aus eigener Kraft aus den Fängen ihrer Eltern zu befreien, kämpft Stevie ungleich selbstbewußter und zielstrebiger um eine Verbesserung ihrer Situation, was dann auch die Kraft und Energie begründet, mit der sich Ceci Schmitz-Schuh und mit ihr der gesamte Film von der eher passiven Aura Julia Hummers absetzt. Schade für Jeanne, daß die beiden sich nie begegnet sind, aber schön, daß Pia Marais mit Die Unerzogenen eine so intensive und packende Umsetzung eines letztendlich schon bekannten Themas gelungen ist. 2007-12-15 14:30
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