— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Das Herz ist ein dunkler Wald

D 2007. R,B: Nicolette Krebitz. K: Bella Halben. S: Sara Schilde. M: Fetisch Bergmann, The Whitest Boy Alive. P: NDR, X-Filme. D: Nina Hoss, Devid Striesow, Franziska Petri, Marc Hosemann, Monica Bleibtreu u.a.
86 Min. X-Verleih ab 27.12.07

I’m Done with You

Von Lena Werle Familie. Das ist ein großes Wort. Im Idealfall bezeichnet es wohl einen warmen, geborgenen Ort, einen Ursprung, auf den sich alles zurückführen läßt, der Halt, Sicherheit und bedingungslose Liebe bietet. Ein Konstrukt, das aufgrund dieser Eigenschaften allerdings auch schrecklich angreifbar ist und, bricht es auseinander, meist nichts anderes zurückläßt als Trümmer und Leid.

Für Marie ist an dem Tag nichts mehr wie es war, als sie entdeckt, daß ihr Mann Thomas neben ihrer eigenen, vermeintlich glücklichen Ehe und ihren zwei Kindern ein völlig identisches Duplikat besitzt: eine Frau, einen Sohn in einem häßlichen Reihenhausbungalow gleich dem ihren. Nicolette Krebitz’ zweiter Spielfilm Das Herz ist ein dunkler Wald bietet den Stoff einer klassischen Tragödie, ist allerdings darum bemüht, den doch sehr wenig innovativen Filmrahmen bild- und ideenreich zu durchbrechen: Maries sofortiger Wunsch, sich nach der aufgedeckten Affäre in einem Gebüsch zu verkriechen, nichts mehr zu hören und zu sehen, funktioniert als Metapher ähnlich plakativ wie ihr völlig entblößter Körper am Ende ihrer nächtlichen Reise, bei der sie ihrem Mann auf einen Kostümball in ein abgelegenes Waldschlößchen folgt. Dort scheint sie das erste Mal dem »wahren Ich« ihres Ehegatten zu begegnen, das sie später – auf seine ihr völlig neuen Wesenszüge beschränkt – resigniert als »Penis« betitelt. Im Morgengrauen bleibt Marie mit der Erkenntnis zurück, all jenes verloren zu haben, was vor 24 Stunden noch von Bedeutung war. Nach einem letzten sexuellen Abenteuer mit einem attraktiven Partygast läßt sie ihr gebrochenes Herz gleich zusammen mit ihren Klamotten dort auf dem feuchten Waldboden zurück.

Eingebettet in das surreale Setting eines traumnovellenartigen Maskenballs auf dem Waldschloß, mutet die Szenerie dem Zuschauer dann doch etwas viel zu: Die aufdringliche Redundanz langweilt ungemein und erreicht ihren Höhepunkt der schweren und unaufhaltsamen Vorzeichen mit Pasolinis Medea-Verfilmung, die nebenbei im Fernsehen der Schloßkirche zu sehen ist. Auch die Figuren bestechen, entgegen denen in Schnitzlers Novelle, nicht durch Komplexität und Tiefe – man möchte vielmehr laut aufschreien, denn es agieren immerhin Nina Hoss und Devid Striesow, die beide erst kürzlich in Yella überzeugten und deren schauspielerisches Talent hier wenig gefordert ist. So ist die Inszenierung leider keine gelungene Anlehnung an Kubricks Eyes Wide Shut (und das scheint in jedem Falle beabsichtigt), sondern eher eine Karnevalsveranstaltung, in deren Zentrum schlecht verkleidete Menschen ihre Probleme wälzen. Lediglich die auf eine Theaterbühne gebannten Rückblenden gefallen und unterstreichen Maries Gefühl einer Art Ehe-Inszenierung – doch weder die Kulisse scheint rückblickend von Bedeutung noch die wortreichen Versprechungen, jetzt, da sich ein Protagonist (Thomas), ohne das Stück angemessen zu beenden, davon gemacht hat.
Am Schluß, als Erlend Øye mit »I’m Done with You« stimmgewaltig das Geschehen einleitet, man der nackten Marie am Ende ihrer Leidensodyssee nach Hause folgt und doch eigentlich bereits weiß, was geschieht, ist es fast erleichternd, als man der Entblößten nachblickt, wie sie mit der Waffe in der Hand in ihr Heim verschwindet. Die Kamera verharrt vor dem Haus – und vielleicht ist das nun wirklich der (leider unbeabsichtigt) beste Augenblick des Films, unterstreicht er doch die fortwährende Distanz des Zuschauers zum Geschehen. Es fällt so extrem leicht, die eindeutigen Laute aus dem Innern aufzunehmen und sie sogleich mit einem Schulterzucken wieder zu vergessen. So hart es auch sein mag. 2007-12-20 20:35
© 2012, Schnitt Online

Sitemap