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Elizabeth – Das goldene Königreich

Elizabeth: The Golden Age. USA 2007. R: Shekhar Kapur. B: William Nicholson, Michael Hirst. K: Remi Adefarasin. S: Jill Bilcock. M: Craig Armstrong, A.R. Rahman. P: Studio Canal, Working Title Films. D: Jordi Mollà, Aimee King, Geoffrey Rush, Cate Blanchett, John Shrapnel u.a.
114 Min. Universal ab 20.12.07

Hinter Glas

Von Daniel Bickermann Viele, vielleicht zu viele thematische Anklänge erwarten den aufmerksamen Zuschauer bei der Ansicht des zweiten Elizabeth -Films Shekar Kapurs. Zum Beispiel der zunehmend in den Untergrund verlagerte Konflikt mit den britischen Katholiken, von denen auch die gemäßigten in die staatlichen Folterkeller getrieben werden: Katholiken als die neuen Moslems, da muß man erstmal drauf kommen. Oder der feministische Ansatz: Im Gegensatz zu all den unsicheren Hollywood-Singlefrauen, die erst durch den schlußendlich gefundenen Mann an ihrer Seite zur vollen Blüte gelangen, dürfen wir hier eine reife, kluge Frau erleben, die nur dann souverän und stark wirkt, wenn sie eben nicht verliebt ist. Umso erstaunlicher, wie wenig sich Shekhar Kapur für solche Themen interessiert.

Um genau zu sein vernachlässigt der indische Regisseur jegliche Narrative zugunsten der Symbolik und vor allem der Darstellungsästhetik seines Films. Elizabeth – Das Goldene Königreich ist trotz Dreiecksliebesgeschichte und Eifersuchtsszenen kein psychologisches Porträt wie Frears’ The Queen oder Maddens Mrs. Brown – was der Hauptfigur des Films überraschend gut steht: Wir sehen eine Königin, die weniger als Regierungs-, sondern vor allem als Inszenierungsgenie glänzt, die die selbstgesponnene Legende von Jungfräulichkeit, Unverwundbarkeit und Alterslosigkeit als wichtigsten Schutzfaktor ihrer Regentschaft zu nutzen weiß. So bleiben die Dialogszenen entweder rein informativ oder strikt symbolisch und immer kurz, pointenlos, abgehackt. Charaktere entstehen so kaum, aber Legenden: In den konsequentesten Momenten verzichtet Kapur vollständig auf Dramaturgie und präsentiert statt einer spannungsreichen Darstellung der entscheidenden Seeschlacht die verfeindeten Staatsoberhäupter in einer Montage aus wortloser, bewußt überinszenierter Ikonenästhetik: Philip von Spanien, der über einer Kerze kauert und flehentlich auf sie einflüstert; dagegen Elizabeth, die auf ihrem menschengroßen Schachbrett von Europa steht und wortlos die überbelichteten Arme ausbreitet, während die Kamera sie Runde um Runde umkreist: ein minutenlanges Mysterienspiel, das die Grenzen des Realismus’ längst hinter sich gelassen hat.

Das bedeutet keineswegs, daß Kapur die drastische Symbolik nur zur Heldinnenverehrung seiner Protagonistin zu nutzen weiß: Im Thronsaal weisen die architektonischen Verzierungen wie steinerne Speerspitzen auf die umzingelte Königin; viele Blicke durch Fenster- und Milchglas betonen ebenso wie erstaunlich häufige Schärfeverschiebungen die Verzerrungen und Undurchsichtigkeiten der Figuren; und im letzten Moment des Konflikts mit der tapsigen Maria Stuart, deren Hinrichtung Elizabeths größter politischer Fehlgriff bleibt, haben die beiden Frauen plötzlich die Rollen getauscht: Samantha Morton darf als Maria mit königlicher Größe, Sicherheit und Unschuld zum Richtblock schreiten (ihr blutrotes Prachtgewand und der inszenatorische Heiligenschein als Insignien mit im Gepäck, die der Filmemacher zuvor nur der Königin zugebilligt hatte), während Blanchett als Elizabeth in abgedunkelten Räumen als verunsichertes Nervenbündel in sich zusammenfällt. Auch hier erzählt sich der Film ausschließlich über Haltungen und Inszenierung statt über erklärenden Dialog.

Wenn Kapur dann doch noch kurze Ausflüge in die Psychologie der Figur macht, ist die erneut herausragende Blanchett gefragt, eine von höchstens drei oder vier Schauspielerinnen ihrer Generation, die diese ebenso komplexe wie grotesk untererklärte Rolle schultern kann. Die oft unausgegorenen Dialoge wären eigentlich zum Scheitern verurteilt, zu oberflächlich ist das Emotionsschema, zu schlaglichtartig und unzusammenhängend die Einblicke ins Innenleben der Königin – doch Blanchett genügen die wenigen Worte und Szenen. In einem ihrer vielen brillanten Momente verrät sie aus reinem Mitleid einem allzu kindlichen Freier das Geheimnis ihres Privatlebens: Sie leidet unter der eigenen Unberührbarkeit und sehnt sich nach jemandem, der das Schutzglas um sie herum zerschlägt, zu ihr vordringt, sie wirklich ergreift. Doch schon wenige Szenen später reagiert sie auf den kleinsten Riß in ihrem emotionalen Panzer mit furchterregendem Schreien und Umsichschlagen. Es ist der Moment, in dem sie versteht, daß sie niemals glücklich werden wird (ein Kompliment muß hier ebenfalls an Blanchetts Synchronsprecherin Arianne Borbach gehen, die Sätze wie »Ihr werdet Euch aus meiner Gegenwart entfernen!« ebenso wirkmächtig herausbrüllen kann wie Blanchett). Und wenn dann abends beim Abnehmen der Perücke ihre dünnen, rotgrauen Haare zum Vorschein kommen, sacken auch ihre Gesichtszüge mehrere Gesellschaftsschichten abwärts, bis da nur noch ein zerbrechliches, dürres Mädchen sitzt und hilflos in den Spiegel stiert. Es ist eine formidable Meisterleistung, die Blanchett hier abliefert.

Bei all den pathosgeladenen Szenen sind es natürlich die Nebenschauplätze, die inoffiziellen Geschichten, in denen subtile Ambivalenz herrscht: die Reaktion des Hofstaats, als Elizabeth etwas zu lange den romantischen Ausführungen des Seefahrers Raleigh zuhört; die kurzen Augenblicke der Sehnsucht, wenn Elizabeth sich nach dem jüngeren Ich aus dem Vorgängerfilm zurücksehnt; und all die tausend kleinen Momente, für deren Streichung Kapur bei all seinem radikalen Symbolismus dann doch zu klug war. Der Regisseur mag vor allem an visueller Ästhetik interessiert sein, aber hinter dem flachen Vorhang seiner Ikonenmalerei lauern trotzdem allerlei spannende Geschichten. 2007-12-19 11:44
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