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Rubljovka – Straße zur Glückseligkeit

D 2007. R,B: Irene Langemann. K: Maxim Tarasjugin. S: Kawe Vakil. M: Michael Langemann. P: Lichtfilm.
94 Min. GMfilms ab 13.12.07

Zwischen Datsche und Baracke

Von Nadine Sohn Der Film beginnt dramatisch: In weißen Lettern auf schwarzem Grund steht zu lesen, daß der Film trotz »massiver Behinderung durch die Moskauer Verkehrspolizei und den russischen Staatssicherheitsdienst« entstand. Eine Woche nach den Parlamentswahlen in Rußland und Putins methodischer Mißachtung demokratischer Maßstäbe erwartet der Zuschauer nun einen politischen, investigativen, zumindest aber unbequemen Film.

Die gewählte Situation bietet auch tatsächlich persönliche, politische und gesellschaftliche Konflikte auf engstem Raum: Die Rubljovka ist die prestigeträchtige Straße, die von Moskau aus aufs Land führt und die über Jahrzehnte Adresse der Elite des Landes war: Stalin hatte hier sein Sommerhaus, Künstler und Wissenschaftler bekamen Grundstücke an der Rubljovka vom Staat geschenkt. Auch heute noch hat Putin hier seine Datsche. Aber es wohnen auch noch jene Menschen hier, deren Familie vor den Zeiten der High Society bereits ganz einfache Häuser an dieser Straße hatten.

Diese beiden Gruppen werden gegenübergestellt: Einerseits die Bewohner der improvisierten Baracken, teilweise ohne fließendes Wasser, andererseits adlige Russen und Neureiche in ihren Prunkvillen. Der Film versucht so, anhand der Rubljovka das moderne Rußland zu porträtieren: ein Land, das sich im Umbruch befindet, in dem Tradition auf Zeitgeist trifft. Dies gelingt in kleineren, skurril wirkenden Situationen sehr gut: Die Geschäftsfrau, die ihr eigenes kleines Versailles schafft einerseits, die Gastarbeiter, die jene 20-Millionen-Dollar-Häuser bauen und dafür zu sechzehnt in einem Zimmer hausen müssen andererseits. Eine verarmte Rentnerin, die sich mit selbsthergestellten Gebrauchsgegenständen die Rente aufbessert und sich Breschnew zurückwünscht, oder zumindest Putin auf Lebenszeit, steht der Modeschöpferin gegenüber, die ihren Kundinnen nur Zobelpelze verkauft.

Der Konflikt zwischen millionenschwerem Reichtum und existenzbedrohender Armut wird kaum direkt angesprochen. Erst kurz vor Ende des Films leuchtet etwas Kritik auf von zwei älteren Frauen, die im Film nicht näher vorgestellt werden und einem zwölfjährigen Jungen. Daß lediglich zwei uns Zuschauern völlig fremde Personen und ein Kind kritische Töne über die Abdrängung der armen Bevölkerung und die Beschneidung der demokratischen Werte in Rußland verlauten lassen, läßt sich nur durch die heikle politische Lage und die dadurch entstandenen schwierigen Drehbedingungen erklären. 2007-12-10 14:28
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