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Für den unbekannten Hund

D 2007. R,B: Dominik Reding, Benjamin Reding. K: Axel Henschel. S: Heike Ebner. P: Eye! Warning Film. D: Lukas Steltner, Sascha Reimann, Zarah Mampell-Löwenthal, Gunnar Melchers, Puja Behboud u.a.
107 Min. Senator ab 6.12.07

Allein unter Männern

Von Mark Stöhr Man guckt und staunt. Nein, erst einmal liest man und staunt. Über den frenetischen Applaus, den ein Gros der Kritik diesem Film gespendet hat, auch über die Preise, die er schon erhielt, keine großen zwar, aber immerhin. Die Impulsivität des Projekts wird gelobt, die exzentrische Bildsprache, die Authentizität der Darsteller. Was für Standards werden da herangezogen, welcher Bonus gewährt für diese unabhängig finanzierte Produktion ohne Major im Rücken?

Vier Jahre haben die Brüder Ben und Dominik Reding an ihrem zweiten Kinofilm gearbeitet. Der erste – das Skinhead-Drama Oi! Warning (2001) – sorgte für Furore und Verstimmung gleichermaßen. Schon dort steckten die Redings den Pfad ab, auf dem es, wie es scheint, auch künftig weitergehen soll. Es geht um archaische Werte wie Ehre und Treue, um Körper und Kraft, Schuld und Sühne. Das Reding-Universum ist eins der Männerbünde, wo Verabredungen per Handschlag getroffen und Vertrauensbrüche mit der Faust gerächt werden. Hier wird nicht psychologisiert, sondern gesetzt. Das kann man erfrischend anti-aufklärerisch finden, gleich reaktionär oder schlicht unterkomplex. In jedem Fall haben sich die beiden Brüder dramaturgisch und formal deutlich verhoben, wie ein Bodybuilder, der vor lauter Kraft kaum noch gehen kann und plötzlich Pirouetten drehen will.

Schon die Geschichte ist haarig. Ein junger Betonbauer ermordet im Suff einen Penner, hat davon keinerlei Schuldbewußtsein und findet erst auf der Walz mit einer Gruppe von Handwerkern zu seiner Verantwortung und zu sich selbst. Hier die heile Welt der traditionellen Bruderschaft, die Geborgenheit und Erleuchtung bietet, dort das Haifischbecken der Jetztzeit, in dem jeder allein ist und verloren. Ein Kindermärchen? Schön wär’s, aber die Redings meinen es bitter ernst und brennen ein Feuerwerk der großen Worte und Gesten ab, mit einem Cast zudem, der in seinen zentralen Positionen aus Laiendarstellern besteht und mit dem ganzen hohlen Pathos sichtlich überfordert ist. Das kann man erfrischend authentisch finden, gleich komisch oder schlicht peinlich.

Der Dämon lauert in dem jungen Betonbauern und bricht sich wellenartig in albtraumhaften, surrealen Szenerien Bahn. Die dafür gefundenen Bilder verkleiden sich mit Ambition, wollen David Lynch, Michel Gondry und Michael Ende auf einmal sein und sind doch nur handwerklich verunglückte Abfallprodukte einer zu teuren Phantasie. Die Redings wollen großes Kino machen, bildgewaltig, voller Poesie und unvermittelter Emotion. Ihr Enthusiasmus, ihr Herzblut ist in jedem Frame spürbar. Doch sie stolpern über ihren eigenen formalen Anspruch, der mehr will, als sie leisten können, und vor allem über ihren ideologischen Reaktionismus, der weniger kann, als wir leisten wollen. Aber es scheint ja eine Gemeinde zu geben, die das anders sieht. 2007-12-03 11:40
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