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Der Mann von der Botschaft

D 2006. R,B: Dito Tsintsadze. B: Zaza Rusadze. K: Benedict Neuenfels. S: Katja Dringenberg. P: Tatfilm, Sanguko Films. D: Burghart Klaußner, Lika Martinova, Marika Giorgobiani, Irm Herrmann, Roland Schäfer u.a.
100 Min. Arsenal ab 29.11.07

Ohne Worte

Von Arezou Khoschnam Sprache ist das wichtigste Kommunikationsmittel in unserer Informationsgesellschaft. Sie ist die Basis unserer Kultur. Wenn Gestik und Mimik allein nicht ausreichen, greifen wir auf die Sprache als gemeinsamem Nenner zurück, damit unser Gegenüber uns verstehen kann. Wenn es nun jemand vorzieht, zu schweigen, statt seine Gedanken und Gefühle durch Worte mitzuteilen, können wir nur erahnen, was ihn ihm vorgehen mag und weshalb er sich so oder anders verhalten hat. Wir beginnen zu spekulieren und schnell werden aus Andeutungen Unterstellungen, aus Vermutungen Verdächtigungen. Je weniger wir wissen, desto stärker bauen wir Vorurteile auf.

Wir wissen nicht viel über Herbert Neumann. Wir erfahren, daß er als Referent für entwicklungspolitische Aufgaben in der deutschen Botschaft in der georgischen Hauptstadt Tiflis arbeitet, wo er allein in seiner Wohnung lebt. Wenn er von der Arbeit nach Hause fährt, zieht er sich in die virtuelle Welt der Computerspiele zurück. Seine zwischenmenschlichen Beziehungen beschränken sich auf die Arbeit, ab und zu bekommt er Besuch von einer Kollegin, mit der er eine Affäre hat. Sein routinierter Alltag erfährt erst durch die Begegnung mit dem Flüchtlingsmädchen Sashka eine grundlegende Wendung. Die beiden sprechen die Sprache des jeweils anderen nicht, aber sie können sich dennoch verständigen, ohne Worte. Der Deutsche mittleren Alters verbringt immer mehr Zeit mit der Zwölfjährigen. Er hilft ihr finanziell, kocht für sie, kauft ihr Kleidung ein, er richtet ihr sogar ein Zimmer in seiner Wohnung ein. Doch an einem Ort, wo das Elend an jeder Straßenecke wohnt, sei es in Form von Armut, Kinderarbeit, Prostitution oder einer korrupten Polizei, weckt jede helfende Hand zwangsläufig Mißtrauen. Je enger die Bindung zwischen den beiden wird, desto stärker beginnt der Zuschauer, die Absichten des Mannes zu hinterfragen, wird jede zärtliche Berührung zu einem vermeintlichen Indiz.

Dito Tsindsatzes leises Drama ist ein Film im eigentlichen Sinn. Er lebt ganz und gar von seiner Bildsprache und entwickelt seine unterschwellige Spannung aus dem Ungesagten. Der Regisseur setzt diese Absage an die Sprache mit einer Konsequenz um, die man selten gesehen hat. Neben dem tonlosen Abspielen von Vor- und Abspann sowie einer fehlenden musikalischen Begleitung – abgesehen von einigen wenigen Klängen –, verzichtet er komplett auf die Einblendung der sonst notwendigen Untertitel. Dieser Kunstgriff ist zunächst gewöhnungsbedürftig, fällt mit der Zeit aber nicht weiter auf. Stattdessen können wir nachempfinden, was Neumann fühlt. In diesem fremden Land sind wir ebenso einsam und verloren wie er. Das Unverständnis der Sprache schärft unsere Sinne, die die Umgebung aufsaugen. Bei Nacht zirpende Grillen, Fliegen, die in der Luft ihre Bahnen drehen, das Geräusch von Autoreifen auf Kieselsteinen, all das erleben wir intensiver als sonst und tauchen selbst als Ausländer tief in die durch die teilweise sehr bewegte Kamera förmlich spürbare Atmosphäre des Films ein.

Tsintsadze zeigt uns, daß Verstehen auch ohne Sprache funktioniert, daß man miteinander auf einer Ebene kommunizieren kann, die über die sprachlichen Grenzen hinausgeht. Er zeigt uns jedoch auch, daß wir in unserer verbalisierten Kultur mit ihrer chronischen Kategorisierungssucht eine Beziehung, für die wir keine einfache Bezeichnung finden, nicht akzeptieren können. In diesem Fall glauben wir nicht nur, was wir sehen, sondern was wir meinen, gesehen zu haben. Unser anfängliches Verständnis für Neumann weicht von Szene zu Szene aufkeimenden Verdachtsmomenten, die sich bis zum Schluß weder bestätigen noch widerlegen lassen. Die Hauptfigur wurde mit dem hervorragenden Burghart Klaußner ideal besetzt, dessen unaufgeregte Mimik in jeder Einstellung zwischen Gut und Böse liegt und der so allein mittels seines Gesichtsausdrucks einen großen Teil der subtilen Spannung zu tragen vermag. Am Ende trennt das Drehbuch die Wege von Neumann und Sashka, ohne das wachsende Fragezeichen zu beantworten, das allein durch die Kraft der Bilder in unseren Köpfen entstanden ist.

Tsintsadze erzählt mit sehr einfachen Mitteln eine Geschichte, in der nicht viel passiert, die es dennoch versteht, den Zuschauer für sich einzunehmen. Zudem gelingt ihm ein ausgewogener Genre-Mix aus Drama und Sozialstudie, indem er in die Handlung Aufnahmen einbaut, die die georgischen Lebensverhältnisse ungeschönt und authentisch widergeben, allerdings ohne dabei von der Geschichte abzulenken. Aber was am allerwichtigsten ist: Er lehrt uns zu verstehen, wie wir funktionieren. 2007-11-26 12:38
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