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Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel

Gone Baby Gone. USA 2007. R,B: Ben Affleck. B: Aaron Stockard. K: John Toll. S: William C. Goldenberg. M: Harry Gregson-Williams. P: Live Planet. D: Casey Affleck, Michelle Monaghan, Morgan Freeman, Ed Harris, John Ashton, Amy Ryan u.a.
114 Min. Walt Disney ab 29.11.07

Nur das Beste

Von Maike Schmidt Ein Kind verschwindet. Damit beginnt alles, und damit endet alles. Ein Kind verschwindet, wie so viele Kinder verschwinden und verschwunden sind. Eine Geschichte beginnt, wie so viele Geschichten über verschwundene Kinder beginnen. Die Angst, die Machtlosigkeit, Schuldzuweisungen und Verzweiflung. Diese Geschichte wird dabei zum Spiegelbild einer Gesellschaft, die sich selbst nicht mehr tragen kann und in der die Menschen gezwungen sind, ihre Entscheidungen neben den Grenzen von Moral und Gesetz zu treffen und zu legitimieren.

Ben Affleck seziert in seinem Debut ein Schicksal, das sich langsam und qualvoll vor den Augen des Protagonisten und des Zuschauers ausbreitet. Sein Held wird auf die Suche geschickt, ein Kind nach Hause zu bringen. Daß er es schließlich so ganz anders tun wird, ist nur eine der dramaturgischen Verwicklungen, derer sich bedient wird, und wird schließlich zur einzig möglichen Auflösung, die der Struktur dieses Films inhärent ist.

Was ist richtig? Was falsch? Welches Ausmaß können die Konsequenzen unserer Entscheidungen annehmen? Wo fängt moralisches Verhalten an und wie endet es? Afflecks Debut ist eine bildliche Sinnsuche nach der Verantwortung des Menschen sich selbst und anderen gegenüber. Daß dies ein einsamer Weg ist, der nicht konform gehen kann und darf, wird hierbei thematisiert.

Als Ben Affleck 2003 mit dem Film Gigli einer breiteren Öffentlichkeit gegenübertrat, konnte und wurde dies als der Abschluß und Höhepunkt einer Karriere betrachtet, die nach Good Will Hunting kontinuierlich ihren Weg nach ganz unten angenommen hatte. Übersät mit »Goldenen Himbeeren« als schlechtester Schauspieler mußte sich der einstige Shootingstar zurückziehen, weit weg vom Blitzlichtgewitter der Boulevard-Maschinerie. Gegen alle möglichen Vermutungen ist sein Erstling gelungen, wenn nicht sogar mehr als das. Behutsam greift er ein menschliches Schicksal auf und transportiert es vorsichtig auf eine abstraktere Ebene, ohne seine Figuren aus den Augen zu verlieren, ohne zu urteilen oder eine moralische Wertung abzugeben. Allein muß sein Protagonist seine Entscheidung treffen; Affleck mag hier nicht intervenieren, läßt im letzten Bild alles offen und übergibt dem Zuschauer die Möglichkeit, eigene Schlüsse zu ziehen.

Dabei läßt er alle Seiten zu Wort kommen, erklärt und respektiert sie. Eines bliebt deutlich: nur das Beste für das Kind. Doch wer darf, wer kann diese Entscheidung fällen? Wie lange währt Verantwortung?

Einen enorm gehaltvollen Brocken menschlichen Schicksals nimmt Affleck sich hier vor, obenauf garniert mit philsophischer Sinnsuche, aber er verhebt sich nicht. Vielleicht mag die ein oder andere Stelle dramaturgisch holprig daherkommen, doch kann dies aufgefangen werden, gerade und besonders durch die durchweg gut ausgewählte Schauspielriege und das angenehm unprätentiöse Setting, das nicht auf platte Milieustudie setzten mag.

Welcome back, Ben. 2007-11-26 12:38
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