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Die Gebrüder Weihnachtsmann

Fred Claus. USA 2007. R: David Dobkin. B: Dan Fogelman. K: Remi Adefarasin. S: Mark Livolsi. M: Christophe Beck. P: Warner Bros., Silver Pictures. D: Vince Vaughn, Paul Giamatti, John Michael Higgins, Miranda Richardson, Rachel Weisz, Kathy Bates u.a.
116 Min. Warner ab 29.11.07

Lahme Socke

Von Martin Thomson Neben einer Fußballweltmeisterschaft oder einem historisch bedeutenden Ereignis gibt es in der westlichen Zivilisation eigentlich nichts, das ein vergleichbar kollektives Bewußtsein für ein bestimmtes Geschehnis schafft. Nun sind Fußballweltmeisterschaften aber nur alle vier Jahre, und historische Ereignisse müssen in Zeiten regelrechter Skandalsucht schon auffällig unvorhergesehen eintreffen, um ein Echo auszulösen, das es wert wäre, darüber mehr als nur eine Schlagzeile zu verlieren. Weihnachten wiederum ist jedes Jahr. Doch anders als bei sportlichen Großereignissen oder dem Weltgeschehen hat Weihnachten keinen konkreten örtlichen Sammelpunkt, das heißt, es gibt weder ein Stadion noch ein in sich zusammenstürzendes Word Trade Center, an dem sich alle simultan sattsehen können; es besteht vornehmlich aus Riten, ist irgendwie strukturiert, aber nichtsdestotrotz entscheidet sich individuell, auf welche Weise und mit welchen Instrumenten es aus der unendlich anmutenden Produktpalette an Gegenständen ausformuliert wird. Auch Filmen fällt die Funktion zu, elementares konstitutives Element für das Wohlbehagen innerhalb der Weihnachtszeit zu sein. Der erste Film, dem ein direkter oder indirekter Einfluß auf alle nachfolgenden Weihnachtsfilme attestiert werden kann, ist wahrscheinlich Frank Capras It’s a Wonderful Life. Capra wußte damals bereits, daß der Weihnachtsfilm am besten funktioniert, wenn er einen Protagonisten in den Mittelpunkt stellt, der mit Hilfe der weihnachtlichen Botschaft von Nächstenliebe seine Funktion innerhalb eines gesellschaftlichen Gefüges und darüber den Sinn seiner Existenz als liebendes und geliebt werdendes Individuum erkennt. Persönliche Erkenntnisprozesse scheinen seitdem unweigerlich mit Weihnachtsfilmen einherzugehen. Daß sie jedoch immer derart eintönig, das heißt im wesentlichen in Familienheil und Harmonie enden müssen, das vergällt einem mitunter schon mal den Geschmack an den cineastischen Zubereitungen wie ein zu stark gesüßtes Weihnachtsgebäck.

Die Komödie Die Gebrüder Weihnachtsmann des Regisseurs David Dobkin funktioniert da nicht anders; und doch schienen die Macher der Überzeugung gewesen zu sein, der Routine durch eine Handvoll Ideen ein Schnippchen geschlagen zu haben. Die Grundkonstellation, auf die alle anderen mehr oder minder originellen Einfälle des Films bauen und aus der Die Gebrüder Weihnachtsmann sein komödiantisches Kapital zu schlagen versucht, ist die, daß dem rundlich-freundlichen Weihnachtsmann vom Nordpol ein urbaner Routine-Lakoniker als Bruder gegenübergestellt wird; der wiederum nimmt ihm seine globale Popularität übel, kann aber nicht umhin, von seinem finanziellen Erfolg abhängig zu sein. Als er wieder einmal Geld benötigt für ein wenig durchdachtes berufliches Projekt, wird er als unterstützende Kraft im industriellen Massenbetrieb seines Bruders tätig, das von einem zynischen Wirtschaftsprüfer aufgrund seiner antiquarischen Produktionsmethoden als allzu ineffizient eingestuft wird und dem deswegen die Schließung droht.

Mit Weihnachtsfilmen für die Familie verhält es sich ähnlich wie mit dem paar Socken, über das sich freuen läßt, das aber über seinen kontextuellen Bezug zu Weihnachten als ziemlich banaler Gebrauchsgegenstand ein auf ewig zur Nützlichkeit verdammtes Dasein in der Schublade fristet. Daß Die Gebrüder Weihnachtsmann jedoch auch als brauchbares Paar Socken versagt, das sollte bezeichnend sein, besonders vor dem Hintergrund, daß mit Paul Giamatti, Kevin Spacey, Vince Vaughn, Miranda Richardson und Rachel Weisz ein hochkarätiges Ensemble zur Verfügung stand, mit dem zumindest die Verpackung hätte stimmen müssen. Das Grundproblem des Films ist vornehmlich darin zu sehen, daß es ihm nicht gelingt, den Kontrast zwischen der typischen Vaughn-Lakonie und der unweigerlich harmonischen Schlußbotschaft, in die seine Person zwangsläufig hinübergehievt werden soll, pointiert auszuarbeiten. Dafür ist der Charakter der Hauptfigur schlichtweg zu sympathisch, denn gerade sein Gehabe als allzu durchschnittliches Halbarschloch, eine Rolle, die Vaughn in Swingers berühmt machte, will der Zuschauer nicht an Idealen verloren sehen, die im vorliegenden Fall aufgrund ihrer überzogenen Sentimentalität uninspiriert und nervig daherkommen. Besonders die pure Ideenhaftigkeit des Films, das heißt das ständig präsente Bemühen, gegebene weihnachtliche Mythenbildung aufzugreifen, um sie gestalterisch zu parodieren, wirkt dramaturgisch gesehen wie aus einer Tabelle herauskopiert, in der jedem Aspekt eine absurde Ausgestaltung entgegengesetzt wird, um anschließend lose in die Handlung eingestreut zu werden; es ist fast so, daß sich auf der Leinwand die Silhouetten der Ideengeber abzeichnen, die sich köstlich an ihren Einfällen erfreuen, und sie doch nur anschließend in ein nicht funktionierendes narratives Konzept werfen.

Dieser Film, das steht fest, wird es auch bei alljährlicher Dauerwiederholung niemals in die Annalen der charmanten, weil wundervoll naiven Weihnachtsunterhaltung im TV schaffen; das ist so sicher wie das Paar Socken unter dem Gabentisch. 2007-11-26 12:36

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