— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Nichts als Gespenster

D 2007. R,B: Martin Gypkens. K: Eeva Fleig. S: Karin Jacobs. P: Box! Film- und Fernsehproduktions, Marco Polo High Definition u.a. D: August Diehl, Chiara Schoras, Fritzi Haberlandt, Janek Rieke u.a.
120 Min. Senator ab 22.11.07

Eine angenehme Melancholie

Von Sascha Ormanns Hurrikans sind gefährlich und ziemlich unberechenbar. Im Episodendrama Nichts als Gespenster spielt ein Teil auf Jamaika, das sich auf eben einen dieser Stürme vorbereitet. Ob dieser letztendlich wirklich kommt, weiß niemand. Im vorliegenden Film ist der Hurrikan jedoch nicht nur ein befürchtetes Ereignis, steht nicht nur für sich selbst (oder dient gar nur der Spannung) – er ist vielmehr metaphorisch zu sehen, denn was ein Hurrikan nach seinem Toben zurückläßt, ist, nüchtern betrachtet, zunächst einmal große Veränderung und Chaos. Und da steht der Hurrikan in Gypkens Buchadaption episodenübergreifend für die Liebe.

Die Liebe, ob kommend oder gehend, bedeutet ebenso große Veränderung: Gerade, wenn man sich in einen Menschen verliebt, in den man sich nicht verlieben wollte/sollte, oder wenn die einstigen Gefühle füreinander nicht mehr empfunden werden. Vermutlich haben die meisten ihren Hurrikan schon einmal erlebt, und darum geht es auch in Nichts als Gespenster : um Suchen, Finden, Ungewißheit und Veränderung.

Gesucht und gefunden haben sich in Gypkens Film vor allem Kamera und Schnitt: Allein die – mit Island, Jamaika, Venedig, der deutschen Provinz und den USA – hervorragenden Drehorte geben den von Eeva Fleig fotographierten Szenen eine Schönheit, die wirklich verzaubert. Hinzu kommen die kleinen Details und die bravourös montierten Bilder, die den Film – neben der makellosen Schauspielleistung auch technisch – auf ein hohes Niveau heben. Die Übergänge der einzelnen Episoden sind hier nicht abrupt, sondern werden in einer angenehmen Ruhe vollzogen: Eeva Fleig filmt das karibische Meer, und Karin Jacobs schneidet den isländischen Himmel in einer Überblendung dahinter, daß man den Episodenwechsel zwar bemerkt, doch bildlich wirklich genießen kann. Des weiteren sind auch klug gesetzte Jump Cuts zu entdecken, da filmt die Kamera August Diehls Figur, wie er abends (einschlafend) im Bett liegt, die Kamera schwenkt minimal, es wird heller, das Bett ist das gleiche geblieben, nur die Seite und die fotographierte Person haben sich geändert.

Schlußendlich kann wohl niemand sagen, ob der Hurrikan kommt oder ob er vorher abdreht, einen anderen Weg einschlägt. Auch Gypkens läßt den Zuschauer da im Ungewissen, endet er doch mit einer Totalen, die einen fahrenden Jeep zeigt, der sich immer weiter von der Kamera entfernt, verdeutlicht er so ein letztes Mal den Weg ins Ungewisse. Sicher jedoch ist, daß das Publikum, nach Ansicht von Nichts als Gespenster – vielleicht ein bißchen melancholisch – das Kino verlassend, suchen möchte, vor allem aber finden. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #48.

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap