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Across the Universe

USA 2007. R: Julie Taymor. B: Dick Clement, Ian La Frenais. K: Bruno Delbonnel. S: Françoise Bonnot. M: Elliot Goldenthal. P: Revolution Studios, Team Todd. D: Jim Sturgess, Evan Rachel Wood, Joe Anderson, Dana Fuchs, Martin Luther, T.V. Carpio u.a.
131 Min. Sony Pictures ab 22.11.07

You Can’t Do That!

Von Eva Tüttelmann Was wäre ein Genrefilm ohne Klischees? Auch der zumeist skeptisch beäugte Einsatz von Klischees kann für einen Film durchaus sinnvoll sein, kann man diese doch zu parodistischen Zwecken nutzen. Entscheidend hierbei ist, ob ein solches Stilmittel punktuell Verwendung findet oder als bloße Aneinanderreihung an Reiz verliert.

Wie es sich für einen waschechten Musical-Film gehört, wird die Handlung vorangetrieben durch Musik, im Falle von Across the Universe sind es dreiunddreißig Beatles-Songs, neu interpretiert durch die teils durchaus gesangstalentierten Schauspieler. Vorangetrieben? Leider wirkt das Zusammenspiel von Musik und Handlung größtenteils schleppend, der Plot scheint krampfhaft um die Songs herumdrappiert, und vor der plumpen Botschaft kann man sich, selbst wenn man es ehrlich versuchte, unmöglich retten. Unzählige Szenen rufen die Erinnerung an Hair wach (ganze Storyelemente sind ein trauriger Abklatsch) – mit einem entscheidenden Unterschied: Hair schafft es immerhin mit seinem manchmal fragwürdigen, aber dennoch den Zeitgeist widerspiegelnden Charme, Lebensgefühl und Aufbruchstimmung der 1960er Jahre halbwegs überzeugend zu verkaufen, Across the Universe jedoch reißt trotz ambitioniert-farbenfroher Bilder nie mit oder bewegt gar, was wohl nicht zuletzt an der bereits angedeuteten Stereotypenkeule liegt, die hier unerbittlich geschwungen wird.

Sängerin Sadie beispielsweise (schade eigentlich, daß der Song »Sexy Sadie« im Film fehlt, sonst kommt nämlich jeder mal an die Reihe), stark angelehnt an Hippie-Ikone Janis Joplin, verliebt sich in ihren Gitarristen Jo-Jo, stark angelehnt an Hippie-Ikone Jimi Hendrix. Ein fieser Plattenboß stellt ihr einen Vertrag in Aussicht, falls sie die Gitarre umbesetzt, aber Sadie entscheidet sich nach flüchtiger Zerrissenheit und ein paar kräftigen Schlückchen Jack Daniels gegen das Geld und für Jimi, Verzeihung, Jo-Jo. Wir lernen: Ein echter Hippie verkauft seine Seele nur ungern. Max muß trotz gegenteiliger Vorsätze nach Vietnam (er hat einfach keine Chance gegen Uncle Sam), und Upper-Class-Schönheit Lucy verrennt sich in die Idee einer Revolution und wirbelt eine stattliche Menge Staub auf, was die Spießer-Mama natürlich völlig mitnimmt. Jude, in dem selbstverständlich viel mehr steckt als ein schnöder Arbeiter-IQ, fühlt sich als Künstler unverstanden. Als auch das Aufspießen von Erdbeeren auf Leinwand nicht hilft (an dieser Stelle bietet sich natürlich der Song »Strawberry Fields Forever« an), gibt er sich zeitweilig nicht näher bezeichneten Drogen hin (eine dramaturgisch sehr subtil vorbereitete Gelegenheit, um »Hey Jude« zu spielen). Ein gemeinsamer Trip, bei dem unsere Clique auf Dr. Robert (ha!) und Mr. Kite (haha!) trifft, darf natürlich auch nicht fehlen. Leider hat man das alles schon so schrecklich oft gesehen und wird einfach das Gefühl nicht los, für blöd verkauft zu werden. Die inhaltliche Misere wird kräftig unterstützt durch die Plazierung der Songs: Man möchte aufschreien, wenn Prudence (!) die Wohnung durchs Badezimmerfenster betritt, und tatsächlich jemand »She Came in through the Bathroom Window« anstimmt. Während man im ersten Drittel des Films noch damit beschäftigt ist, zu verstehen, daß hier tatsächlich immer die absolut offensichtlichste Verbindung zwischen Handlung und Song geknüpft wird, verbringt man die restlichen beiden damit, zu hoffen, daß es nicht noch platter wird und als nächstes nicht tatsächlich genau der Song kommt, der sich schon seit Minuten bedrohlich ankündigt.

Optisch überwältigt der Film durch pseudo-psychedelisches Gewusel, und so gesellt sich das Bilddesign beschwingt zum inhaltlichen Klischee-Donnerwetter. Musikalisch überrascht Elliot Goldenthal mit einigen wirklich erfrischenden Song-Adaptionen. Die bezaubernd klare Stimme von Jim Sturgess ist ein Segen und bereichert die Neubearbeitungen. Leider sorgt der Versuch, einige der Songs melodramatischer und balladesker zu gestalten dafür, daß die unübertroffene Leichtfüßigkeit, die selbst melancholische Beatles-Songs zu Mitwippern macht, verlorengeht und somit der Zauber der Kompositionen leidet. Die ganze Nummer einfach langsamer einzuspielen hat eben nicht automatisch Getragenheit, sondern auch ruck-zuck Langeweile zur Folge.

Tatsächlich ist es eine interessante Idee, einen Film zu machen, dessen Story über die Musik der Beatles erzählt wird. Und ein echtes Wagnis, bezeichnet Julie Taymor selbst doch das Erbe der Fab Four als den Heiligen Gral. Irgendwie lag es ja auch nahe: Die Werke von Abba und Queen wurden ja schließlich längst zu Musicals verwurstet. Vielleicht hatte es aber auch seinen Grund, daß es bisher noch niemand gewagt hat, ein solches Projekt zu wuchten. Schade, daß im Ergebnis sowohl Songs als auch Story häufig der Schwung fehlt und es vor wenig subtilen Anspielungen nur so wimmelt. Da sind auch die Gastauftritte von Joe Cocker und Bono nur ein schwacher Trost. Was also tun? Ein paar Euro mehr investieren und das »White Album« kaufen. Es lohnt sich. 2007-11-19 11:16
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