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Persepolis

F 2007. R,B: Marjane Satrapi, Vincent Paronnaud. S: Stéphane Roche. M: Olivier Bernet. P: 2.4.7. Films, The Kennedy/Marshall Company u.a.
95 Min. Prokino ab 22.11.07

Leben in Schwarzweiß

Von Tamara Danicic »Punk is not ded« prangt in großen, etwas ungelenk geschriebenen Lettern auf der Jacke der kleinen Marjane. So amüsant einem die fehlerhafte Schreibweise sowie der Stilmix aus Jeansjacke (mit Michael Jackson-Button), Adidas-Turnschuhen und Kopftuch auch zunächst erscheinen mag, so schnell begreift man die Implikationen. Im Iran kurz nach der Revolution, als die Mullahs und ihre Handlanger dabei sind, ihre Macht zu festigen, wird ein solcher Aufzug schnell zur fast schon skandalösen Provokation. Als Marjane zwei Revolutionswächterinnen in die Hände fällt, die im unförmigen Schwarz ihrer Tschadore verschwinden, kann sie ihren Kopf nur mit Mühe aus der Schlinge ziehen. Erst muß das liberal erzogene Mädchen versuchen, ihnen Michael Jackson als Black-Panther-Ikone zu verkaufen und dann auch noch ganz dick auf die Mitleidstube drücken. Da bekommt die nicht ganz ernstzunehmende, frühpubertäre Auflehnungsattitüde plötzlich eine absolut ernsthafte politische Dimension.

Das Lachen ist der 1969 geborenen Iranerin Marjane Satrapi in ihrer Kindheit und Jugend sicherlich manches Mal im Hals steckengeblieben. Totalitäre Systeme haben noch nie Spaß verstanden. Und die Realität einer unbehüteten Jugend im österreichischen Exil ist von jeder Sissi-Romantik in der Regel meilenweit entfernt. Verlernt hat sie das Lachen jedoch glücklicherweise nie. Im Gegenteil. Humor ist in Persepolis eine ebenso subversive wie effektive Strategie, um der zum Teil fremdbestimmten eigenen Biographie zu trotzen.

Wie schon der mittlerweile in über zwanzig Sprachen übersetzte und zum Bestseller avancierte gleichnamige Comic erzählt auch der Animationsfilm Persepolis von einem durch die repressive Staatsideologie existenziell beschnittenen Leben und von Heimatverlust. Wichtiges Vorbild war zweifellos »Maus«-Schöpfer Art Spiegelman, der auch in stilistischer Hinsicht durchaus prägend gewesen ist. Und auch Marjane Satrapi und ihrem Koautor/Koregisseur Vincent Paronnaud gelingt das Kunststück, Universelles und Persönliches wunderbar leichthändig ineinander zu blenden. So wird die Geschichte des Iran vom Sturz des Schah bis in die mittleren 1990er Jahre durch das subjektive Prisma der heranwachsenden Heldin gebrochen, deren Leben wiederum, sei es direkt oder indirekt, untrennbar mit der Geschichte ihres Landes verflochten ist. Ergebnis ist das, was die Autorin selbst als »(Comic) Autofiction« bezeichnet, beeinflußt vom italienischen Neorealismus einerseits sowie vom deutschen Expressionismus andererseits. Realistische Alltagsszenen treffen auf einen reduzierten Schwarzweiß-Stil, bei dem Licht- und Schatteneffekte äußerst wirkungsvoll gesetzt werden und lediglich die Tiefenwirkung erzeugende Hintergrundtextur Grauabstufungen zuläßt.

Überhaupt ist Persepolis keineswegs nur die Anordnung von gezeichneten Bildern entlang einer Zeitachse, sondern absolut filmisch. Dank weicher Blenden, Jump Cuts, simulierter Kamerafahrten, Zooms und nicht zuletzt einer durch die Geschichte tragenden Filmmusik passiert es, daß man die Animation als solche zwar nicht ausblendet, man aber am Ende das Gefühl hat, man hätte es mit »echten« Spielfilmfiguren zu tun, die eine echte emotionale Teilnahme erzeugen. Ihr Scherflein dazu beigetragen haben überdies, zumindest in der Originalfassung, die Stimmen von Chiara Mastroianni (Marjane als Teenager und Erwachsene), Catherine Deneuve (Marjanes Mutter) und Danielle Darrieux (Marjanes Großmutter), die umwerfend frivol, witzig und warmherzig sein darf.

Kurz vor Marjanes Abreise in die österreichische Fremde schärft die Großmutter ihrer vierzehnjährigen Enkelin ein, sie dürfe ihre Herkunft nie vergessen. Als Marjane sich eines Tages tatsächlich als Französin (Marie-Jeanne) ausgibt, um dem mitleidsvoll-arroganten Blick auf sie als Repräsentantin eines Barbarenvolkes zu entgehen, holen sie die imaginierten Vorwürfe der alten Dame kurze Zeit später ein. Über Satrapis heutigen liebevoll-humorvollen, aber auch kritischen Blick auf ihre persische Heimat wäre ihre Großmutter zweifellos glücklich gewesen. 2007-11-19 11:17

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