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Free Rainer – Dein Fernseher lügt

D 2007. R: Hans Weingartner. B: Hans Weingartner, Katharina Held. K: Christine A. Maier. S: Andreas Wodraschke. M: Adem Ilhan, Andreas Wodraschke. P: kahuuna films, Coop99 Film. D: Moritz Bleibtreu, Elsa Sophie Gambard, Milan Peschel, Simone Hanselmann u.a.
138 Min. Kinowelt ab 15.11.07

Zu kurz gedacht

Von Sebastian Gosmann Mit der Entscheidung für einen satirischen Erzählduktus begibt sich Hans Weingartner auf ein gefährliches Terrain, bringt hier doch jede ironische Überspitzung, jeder hämische Kommentar die Gefahr mit sich, lediglich Gemeinplätze zu verhandeln und letzten Endes nicht mehr als redundante Phrasendrescherei zu betreiben. Vor allem, wenn man sich – wie Weingartner – in die Niederungen der Medienkritik vorwagt. Schon das Presseheft zu Free Rainer offenbart, wes Geistes Kind er ist. Nach Herzenslust werden dort fernsehkritische Zitate unterschiedlichster Couleur abgefeuert, und sein Film wirkt letztlich, als hätte er es sich zur Aufgabe gemacht, Neil Postmans düstere Warnschrift »Wir amüsieren uns zu Tode« (1985) – aus der im Presseheft ebenfalls munter zitiert wird – in Bilder zu kleiden. So treffend Postmans als populistisch geltende Ausführungen und so begrüßenswert Weingartners Anliegen grundsätzlich auch sein mögen – es bleibt die Frage nach der Umsetzung, sprich: nach der filmadäquaten Formulierung einer solchen Kritik.

Eine gelungene Filmsatire zeichnet sich dadurch aus, daß sie nicht nur die Welt-, sondern vor allem eine gewisse Weitsicht von Autor und Regisseur erkennen läßt, welche im Idealfall dann dazu führt, daß – bei aller Überhöhung und Ausgelassenheit – stets der richtige Ton getroffen wird und das auf eine möglichst clevere und hintersinnige Weise. Weingartner hingegen will aufrütteln – und verfolgt dieses Ziel mit einer solchen Inbrunst, daß ihm dabei jegliches etwaig vorhandene Feingefühl vollends abhandenkommt. Mit seiner zumeist plakativen und naiven Inszenierung erweist sich Weingartner als regelrechter Grobmotoriker. Aber so was ist durchaus verzeihlich. Schier unerträglich hingegen ist die Selbstgefälligkeit, mit der er zuwerke geht. Zunächst schwingt er sich auf zum Heilsbringer der fernsehverseuchten Gesellschaft, und später – wenn Aussteiger Rainer zwecks Durchführung seines rebellischen Plans ein Grüppchen desillusionierter Hartz-IV-Empfänger um sich schart – gibt er gar den großherzigen Beschützer der sozial Benachteiligten.

Vielleicht hat es mit Weingartners Vorgängerwerk zu tun, daß ich über Free Rainer nicht lachen kann, ich ihm seinen neuen Film einfach nicht als Satire abkaufen mag. In Die fetten Jahre sind vorbei kaut er (in Gestalt seiner drei jugendlichen Protagonisten) dem Zuschauer ebenso genüßlich wie ausführlich seine Kapitalismuskritik vor – und zwar in aller Ernsthaftigkeit. Und wenn dann in Free Rainer die geistig Befreiten schließlich Reclam-Heftchen lesend im Park sitzen oder zur Primetime lieber vergnügt am Strand herumtollen, statt sich den Fassbinder-Film auf RTL II einzuverleiben, komme ich nicht umhin, Weingartner wiederum ernstzunehmen. Diese quälend lange, in geleckter Werbeclip-Ästhetik daherkommende Sequenz, in welcher der Regisseur eine hanebüchene Gesellschaftsutopie entwirft, birgt zudem einen markanten Widerspruch in sich. Denn der Film schafft es nicht, die von Rainer prophezeite und – laut Drehbuch – später tatsächlich einsetzende Umgewöhnung des Zuschauers auch auf der Bildebene umzusetzen. Vielmehr scheint das Volk dem neuen, im Dienste der Bildung und der Aufklärung stehenden TV-Programm nicht gerade zugetan zu sein; in Free Rainer mutieren die Deutschen zu Fernsehmuffeln. Auch nicht schlecht. Doch das Skript behauptet etwas anderes.

Das wirklich Empörende an dem Film aber ist die Geisteshaltung des Regisseurs. Wenn man bedenkt, welchen Preis Weingartners Helden für diese schöne neue Welt verlangen, kann einem angst und bange werden. Nichts Geringeres als die so mühsam erkämpfte Demokratie wird hier verhandelt. Eine Handvoll Sozialverlierer erhebt sich über das verdummte Restvolk und entscheidet nicht nur über das Fernsehprogramm, sondern letztlich auch über Gut und Böse. Nein, danke! Dann doch lieber selbst dem Bohlen den Garaus machen – per Fernbedienung. 2007-11-12 16:24
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