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American Gangster

USA 2007. R: Ridley Scott. B: Steven Zaillian. K: Harris Savides. S: Pietro Scalia. M: Marc Streitenfeld. P: Universal Pictures, Imagine Entertainment. D: Denzel Washington, Russell Crowe, Chiwetel Ejiofor, Josh Brolin u.a.
157 Min. Universal ab 15.11.07

Eine lupenreine Filmperle

Von Sascha Ormanns Das Genre des »Gangster«-Films (Polizist gegen Verbrecher) ist durchaus ein interessantes, obgleich auch ziemlich abgegrastes, und jeder auch nur ansatzweise cineastisch veranlagte Kinogänger wird einen der Höhepunkte vermutlich in Michael Manns perfekt inszeniertem Heat gesehen haben. Wenn man daraufhin die Entstehungsgeschichte von Ridley Scotts American Gangster genauer betrachtet, könnte man zu dem Schluß kommen, daß die – sonst so gern auf funktionierende Filmkonzepte zurückgreifende – Filmfabrik »Hollywood« das zumindest ähnlich sah. Ursprünglich war es nämlich Antoine Fuqua, der im Regiestuhl Platz nehmen sollte, doch einen Monat vor Drehbeginn kippte Universal das Projekt aufgrund zu hoher Produktionskosten. Besetzung und Stab sollten noch mehrmals wechseln; doch letztlich wurde Steven Zaillian erneut angeheuert und gebeten, einen weiteren Entwurf seines eigenen Drehbuchs zu verfassen: Den ersten hatte Ridley Scott vor der Realisierung von Kingdom of Heaven gelesen und war sofort begeistert. Vermutlich ist es wohl dem Namen Ridley Scott und dem Starensemble Washington/Crowe zu verdanken, daß aus einem Zeitungsartikel, mit dem Titel »The Return of Superfly«, letztlich doch noch ein Film entstand. Soweit so kompliziert (und doch nur ein Auszug).

Natürlich läßt sich im Nachhinein nicht feststellen, was aus American Gangster unter der Obhut eines differenten Stabs geworden wäre: Doch das, was Ridley Scott hier auf Zelluloid gebannt hat, ist phänomenal. Scott läßt sich Zeit, weil er genau weiß, daß die Geschichte dies verlangt: Keine Minute ist überflüssig, niemals kommt auch nur ein Gedanke an Langeweile auf, was bei einer Laufzeit von 157 Minuten durchaus selten und erstrecht nicht selbstverständlich ist. Die beiden Hauptfiguren finden eine geradezu fabelhafte Einführung in zwei parallel laufenden Geschichten, die erst überraschend spät in einer Zusammenführung gipfeln. Direkt die erste Szene macht unmißverständlich klar, warum Franc Lucas – glaubwürdig von Denzel Washington interpretiert – das Zeug hat, der neue »Harlem Godfather« zu werden. Dessen Antagonist – den Russel Crowe mit seiner intensiven Kamerapräsenz darstellt – erinnert in seiner unermüdlichen Recherche, seinem Ziel, den Fall zu lösen, und seinem Gerechtigkeitssinn an Jake Gyllenhaals Figur aus David Finchers Zodiac.

Doch American Gangster weist noch weitere Parallelen zu Finchers letztem Geniestreich auf, als da wären: die exakt identische Lauflänge, einen wahren Hintergrund und den Kameramann Harris Savides, der mit seiner Fotographie beispielsweise schon Filme Gus Van Sants, Wong Kar-wais, eben David Finchers und nun auch Ridley Scotts exorbitant bereichern konnte. Savides variiert seine Bildsprache passend zur Stimmung und genau der beabsichtigten Gefühlslage entsprechend, so nutzt er mal die Möglichkeit einer perspektivischen Handkamera und zieht damit den Zuschauer sofort in den Film hinein, um ihn in anderen Momenten durch exakt akzentuierte Freeze Frames und Slow Motions aus selbigem herauszuschleudern und ihn für eine haargenau passende Zeitspanne als reinen Beobachter zu extrahieren. Obendrein wirken die fotographierten Bilder teils düster schmutzig, teils edel, ähnlich den Bildern aus Zodiac : einfach traumhaft passend und sagenhaft abgestimmt.

Wenn es in den 1970er Jahren Frank Lucas war, der mit seinem – selbst importierten – unverschnittenen Heroin den Drogenmarkt in Harlem dominierte und somit den Zwischenhändler ausschalten konnte, dann ist es heute vermutlich Ridley Scott, dem metaphorisch Ähnliches mit der »Traumfabrik« gelungen zu sein scheint. Er hat wohl mittlerweile eine so mächtige Position in Hollywood, daß es nicht nötig war, Kompromisse einzugehen. Die Cineasten wird das jedenfalls erfreuen: Scott präsentiert uns einen perfekten American Gangster, der trotz der zeitlichen Distanz der Geschichte Kritik an der heutigen (amerikanischen) Gesellschaft übt. Und nach fast drei Stunden des epischen Genusses fragt man sich, warum nicht jeder Film eine solch perfekt inszenierte Perle (mit hohem eigenem Anspruch) sein kann. Vermutlich, weil solche dann nichts Besonderes mehr darstellen würden und man sie schlicht nicht mehr so sehr genießen könnte wie eben diesen American Gangster. 2007-11-13 11:07
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