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Schöner Leben

D 2005. R,B: Markus Herling. K: Peter Steuger. S: Anna Kappelmann. M: Beni Reimann. P: Fado Film. D: Karin Düwel, Klaus Gehrke, Suzanne Ugé, Ruth Krüger-Willkomm, Joël Eisenblätter u.a.
108 Min. Farbfilm ab 15.11.07

Aber hier leben, nein danke

Von Tamar Noort Die Tage werden dunkler, der Himmel ächzt sich wolkenschwer der Erde entgegen, und es gibt nichts, nichts, nichts, was wir Menschen tun können, um der Trostlosigkeit zu entrinnen. Oder Filmen, die Trostlosigkeit zur Kunstform erheben. Trostlosigkeit allein macht leider keinen anspruchsvollen Film. Schöner Leben schreit dem Zuschauer im Sekundentakt die schrecklichsten Schicksale entgegen. Es ist ein Episodenfilm, in dem sich verschiedene Menschen auf den Heiligen Abend vorbereiten, doch alle haben ein schlimmes Päckchen zu tragen – Glück kennt kaum einer von ihnen. Regisseur Markus Herling, der auch das Buch geschrieben hat, greift hier zum plakativsten Gegensatz, der einem so einfallen kann. Das Fest der Liebe und des Glücks gegen den Überlebenskampf seiner Figuren und ihrer Gefühlskälte.

Herling walzt die Trostlosigkeit so elegisch aus, daß sie zum Stilmittel zu werden droht – und das ist ein echtes Problem. Gegen trostlose Figuren ist überhaupt nichts auszusetzen, und Filme müssen bestimmt nicht fröhlich sein, um sehenswert zu werden. Doch Herling rollt das Ganze von hinten auf. Ständig entsteht der Eindruck, daß das gesammelte Unglück der Figuren herhalten muß, um den Personen emotionale Tiefe und dem Film Anspruch zu verleihen. Und darin ist er noch nicht einmal durchgängig glaubwürdig.

Der junge Mann etwa, der in tiefsten Depressionen schwelgt, seit seine Freundin ihn verlassen hat. Darsteller Pasquale Aleardi wird wie ein scheues Reh über die Leinwand gescheucht, er muß bei der Therapeutin weinen, seine Exfreundin anfeinden, sich besinnungslos betrinken, er darf am Ende gar in der Kirche Hoffnung finden. Ob es das glattschöne Gesicht Aleardis ist oder die schlechte Inszenierung – glaubhaft ist sein Unglück nicht. Dabei hätte gerade das Thema dieser Episode Raum geboten für Zwischentöne. Schließlich ist Trennungsschmerz einerseits universell, jeder hat es schon mal erlebt – andererseits aber so individuell, daß jedes Trennungsschicksal tatsächlich einzigartig ist. Der Film geht aber über allgemeingültige Traurigkeit nicht hinaus. Aus jeder Pore dieser Episode schwillt die Trostlosigkeit heran und spült alles fort, was an Zwischentönen möglich gewesen wäre.

»Ein aufmerksamer Blick aufs Leben« verspricht das Presseheft zum Film – doch der Film bietet eher einen bleischweren Tunnelblick. Markus Herlings Vita gibt her, daß er 30 Folgen Gute Zeiten – Schlechte Zeiten zu verantworten hat. Da drängt sich unwillkürlich der Gedanke auf, daß Schöner Leben unbedingt ein Gegenentwurf zur poppigen Soapwelt darstellen sollte. Doch die bunte TV-Welt, die von Pappfiguren bevölkert wird, hat bei Herling nicht mehr Tiefe bekommen, nur weil in diesem Film die Farben dunkler sind und die Stimmungslage trister ist. Leise läßt sich erahnen, was für ein Film Schöner Leben hätte sein können. Doch was am Ende bleibt, sind eher die schlechten Zeiten als die guten. 2007-11-12 16:23
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