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The Man Who Shot Chinatown – Der Kameramann John A. Alonzo

The Man Who Shot Chinatown – The Life and Work of John A. Alonzo. D/USA/GB 2007. R,B: Axel Schill. B: Stephanie Bahr. K: Volker Gläser. S: Peter Wiggins. M: Gert Ide Lödige. P: Molinare Studios, Montagnole Productions.
78 Min. Real Fiction ab 15.11.07

Licht und Schatten

Von Martin Thomson Die DVD hat es möglich gemacht, Cineasten ein Forum zu schaffen, in dem sie ihren unbändigen Appetit auf Hintergrundmaterial stillen können. Die gemeinhin als »Making Of« bezeichneten Beiträge unterscheiden sich jedoch auf gravierende Weise hinsichtlich ihrer Qualität voneinander: Berücksichtigen die einen selbst die frühesten Skizzen am Reißbrett, sind andere oftmals nicht mehr als substanzloses Schmuckwerk, in dem die Schauspieler ihre vertraglich festgelegten Lobesphrasen auf die unfehlbaren Kollegen wie auswendiggelernt aufsagen. Dennoch läßt sich konstatieren, daß sich vor dem Hintergrund des Erfolgs der DVD die Varianten, wie sich ein »Making-Of« inszenatorisch gestalten läßt, erheblich vergrößert haben und selbst vormals an filmischen Produktionsprozessen desinteressierte Zuschauer an die Materie herangeführt werden konnten.

Der massive Verkaufserfolg der diversen Spezialeditionen, die inzwischen parallel oder zeitversetzt den DVD-Markt bereichern, ist untrügerisches Indiz für den Erfolg der inzwischen in den direkten Produktionsprozeß mit einbezogenen Dokumentationen über Konzeption, Dreharbeiten und manchmal sogar über die darüber hinausreichende Vermarktung. Die Beantwortung der Frage, welche Motivation Filmemacher bei der Kreation ihres Werkes verfolgten, hat also gemeinhin einen gewaltigen Aufschub erhalten. Desto wichtiger erscheint es, daß das Kino als Zentralinstanz der Kunstform Film die vorhandenen Tendenzen aufgreift und perfektioniert.

Ökonomisch gesehen ist das nicht einfach, denn was bei der DVD eine periphere Wahlmöglichkeit bleibt, das setzt angesichts der inzwischen preisintensiven Lösung einer Kinokarte ein fundierteres Allgemeininteresse seitens der Zuschauerschaft voraus. In einem Film, in dem es um die Produktion eines Films geht oder um eine spezifische Person, die das Medium auf besondere Weise geprägt hat, wird das Sekundär- zum Primärmaterial und erst im Kontext des eigenen Wissensstandes zur methodischen Anleitung für eine analytische Perspektive auf das gemeinhin Gesehene. Dieser Umstand verlangt nach einem Einfallsreichtum, der das Engagement für die Produktion einer gängigen Hintergrund-Dokumentation, wie sie auf einer DVD zu finden ist, übersteigen sollte.

Die Regisseure Axel Schill und Stephanie Bahr haben nun versucht, einem berühmten Kameramann die seltene Ehre zuteil werden zu lassen, personeller Ausgangspunkt eines abendfüllenden Kino-Dokumentarfilms zu sein; und tatsächlich erweist sich die Biographie von John A. Alonzo aufgrund ihrer Vielseitigkeit interessanter als die gängigen Lebensläufe seiner Kolleginnen und Kollegen. Alonzo sah sich als erster mexikanischstämmiger Director of Photography in den USA mit allerlei Vorurteilen konfrontiert und wurde aufgrund seiner unorthodoxen Arbeitsmethoden zeit seines Lebens von Neidern skeptisch beäugt. Vor allen Dingen sein ästhetischer Purismus, d.h. die Tatsache, daß er Szenerien oftmals mit nur einer einzigen Lichtquelle auszuleuchten in der Lage war, stieß im an Verschwendung gewohnten Hollywood auf ungläubiges Staunen. Nicht umsonst weiß ein Freund und Kollege von ihm festzustellen, daß doch das meiste der allgemein an Sets aufgefahrenen Ausrüstung ohnehin nur dem Ego der Verantwortlichen diene.

Über seine Tätigkeit als Kameramann hinaus war Alonzo in den Anfangsjahren seiner Karriere auf Statisten- und Nebenrollen, zumeist in Western, abonniert und konnte dadurch den Kontakt zu den Verantwortlichen der Industrie herstellen. Alonzo erarbeitete sich aus dieser denkbar niedrigen Position innerhalb der Hierarchie des seinerzeit rigiden Studiosystems einen Ruf als unbestechlicher Licht- und Schattenkünstler, der mit Chinatown schließlich eins der am meisten geachteten Werke des New Hollywood schuf und mit Norma Rae die gegenwärtige Tendenz einer beweglich gehaltenen Handkamera für die Realisation eines semidokumentarischen Stils vorwegnahm. All diese Aspekte seiner Arbeit, die Stationen seines Privatlebens und auch ganz Allgemeines über den Beruf des Director of Photography wissen Schill und Bahr mit The Man Who Shot Chinatown in ihrer Doku zu verarbeiten. Mehr als etwa auf einer DVD zu erwarten wäre, aber doch zu wenig, um auf der Leinwand als Eigenwerk auszureichen; was wiederum nicht heißen soll, daß ihre Dokumentation arm an Fakten und schon gar nicht an Gesprächen mit Zeitzeugen, Filmkritikern und Freunden von Alonzo ist, aber zugleich haben es die beiden Regisseure verpaßt, das Gezeigte auf einen Hintergrund zu projizieren, der die Information nicht einfach nur als Spiegel einer Wirklichkeit aus Informationen und Eckdaten abbildet. Dramaturgisch funktioniert ihr Film wie eine schlichte Aneinanderreihung von Daten, immer mal ergänzt durch eine Aussage von Kollegen, die zwar für sich genommen Interessantes über Alonzo zum besten geben; aber dadurch, daß das Gesagte keiner kritischen Reflexion seitens der Regisseure unterzogen wird, bleibt es letztlich auf sich selbst beschränkt. Zum Ende, wenn der Tod des 1934 geborenen Alonzo Erwähnung findet, rutscht der Film dann auch noch in eine befremdlich wirkende Rührseligkeit ab. Für sich genommen ist sein Verlust zwar durchaus tragisch, aber er wird einer vorläufig nüchternen Schilderung angehangen, so daß die bewegenden Aussagen seiner Kollegen und Freunde ihre Wirkung innerhalb des Gesamtkonzepts verzielen. Ganz ähnlich verhält es sich mit der Tatsache, daß Schill und Bahr, um auf Alonzos Verdienste im Bereich der Entwicklung der HD-Kamera-Technologie aufmerksam zu machen, gerade jene zum Einsatz kommen lassen; das Potential dieser für sich genommen guten Idee bleibt jedoch, wie so vieles an diesem Film, ungenutzt. Wenn er seine Ideen berührt hätte, statt sie bloß anzudeuten, dann hätte aus The Man Who Shot Chinatown vielleicht tatsächlich mehr werden können, so aber gerinnt aus der ungenutzten Idee letztendlich ein ungenutzter Film. 2007-11-13 11:09
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