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Takva – Gottesfurcht

Takva. TR/D 2006. R: Özer Kiziltan. B: Onder Cakar. K: Soykut Turan. S: Andrew Bird. M: Gökçe Akçelik. P: Corazón International, Yeni Sinemacilar. D: Erkan Can, Meray Ülgen, Müfit Aytekin, Salaetin Bilal u.a.
96 Min. Rif Film ab 15.11.07

Glauben ist alles

Von Maike Schmidt Das Bild des strenggläubigen, ja fanatischen Islamisten, der sein Leben opfert für seinen Glauben und sein Land, der Flugzeuge entführt und Bomben am eigenen Körper trägt, ist ein Bild, das sich seit dem 11. September festgesetzt hat und einen Mythos aus Angst und Paranoia hat entstehen lassen. Eine Pauschalisierung konnte dabei in den Köpfen der Menschen Fuß fassen, der am Anfang weder durch Ländergrenzen noch menschliche Vernunft Einhalt geboten werden konnte. Der Islam wurde dabei für die westliche Welt zu einem politischen Werkzeug, dessen religöser Impetus sich kaum mehr als eigenständig zu behaupten weiß. Der muslimische Glaube verlor seine moralische Wertigkeit und blieb als reiner Fanatismus zurück.

Der Film kann als Mittel der Aufklärung hier wichtige Arbeit leisten und in eine aus den Fugen geratene Welt für einen Moment relativierend eingreifen. Dem türkischen Regisseur Özer Kiziltan gelingt dies auf dem Weg des Verständnisses. Und zwar, indem er sich dem Thema des religiösen Fanatismus’ nicht politisch nähert, sondern indem er das Phänomen eben diesem Kontext entreißt und es auf eine Ebene menschlichen Schicksals bannt.

Muharrem lebt in einem der ältesten Stadtteile Istanbuls, sein Leben ist einsam, erschließt sich aus dem Gang zur Arbeit, dem Gang zum Kloster und seinem Zuhause, in welchem er nach dem Tod seiner Eltern schon lange alleine wohnt. Die Gemeinschaft des Klosters ist es, die ihm Kraft gibt, seinem streng ritualisierten Leben den nötigen religiösen Rahmen zu geben und dies als ausreichend zu betrachten. Bescheiden und freundlich lebt er in seiner kleinen Welt, die starr und unbewegt vor sich hin existiert. Dem wird jäh ein Ende gesetzt, als der Scheich beschließt, Muharrem aufgrund seines verläßlichen Wesens eine klosterexterne Aufgabe zukommen zu lassen. Aufgeschmückt mit schönen Anzügen, einem Laptop, Handy und einem Chauffeur soll er sich um die Mieter der klösterlichen Immobilien kümmern, durch die sich dieses zum Teil finanziert. Muharrem wird hinausgelassen in eine Welt, die nur ein Stadtteil weiter das moderne Istanbul ausmacht, ihm jedoch fremd und angsteinflößend erscheint. Die Verlockungen, die sich hier durch Geld, Macht und Sex zeigen, überfordern und zermürben sein strenggläubiges Herz und treiben Muharrem langsam in die Katastrophe. Seine Unfähigkeit, mit sich und diesen Dingen umzugehen, überschreiten die Grenzen seines Glaubens, in den er schlußendlich in Form absoluter Selbstaufgabe flüchtet.

Der Weg eines Menschen in den Wahnsinn wird vom Drehbuchautor Önder Cakar mit der Entwicklung eines Attentäters beschrieben, der sich selbst ob der größeren Sache aufgibt. Daß der Film so erschüttert, liegt aber nicht nur an dieser Interpretation. Das Aufeinanderprallen zweier verschiedener Welten und der daraus resultierende Untergang eines einzelnen Menschen läßt deutlich Kritik spüren an dem zwanghaften Aufrechterhalten alter Strukturen, die von religiösen Dogmen beschrieben werden. Muharrems Unfähigkeit und eigentlicher Unwille sich anzupassen, können nicht aufgefangen werden. Seine verzweifelten Gebete zu Gott, ihm seine Sünden zu vergeben, verklingen ungehört. Die Geschichte Muharrems ist dann auch keine genuin islamisch geprägte, sondern zeichnet das Bild eines Menschen, der zwischen alten und neuen Werten keinen Weg mehr für sich finden kann und dessen verzagte Vermittlungsversuche scheitern. Glaube, sei es nun ein persönlicher oder ein instrumentalisierter, muß sich anpassen, eigene Methoden finden, sich in die neuen Gegebenheiten einer sich verändernden Gesellschaft und einer nach eigenen Regeln existierenden Welt einfügen und hier seinen legitimen Platz finden. Dieser Film vermag eine wichtige Stimme zu werden, die sich für genau diese Entwicklung ausspricht und gegen reaktionäre Meinungsbildung und erstarrte Glaubensstrukturen angeht. Sein Protagonist bleibt dabei als verstörendes Exempel zurück und besitzt gleichzeitig eine ungeheure Kraft, die über Kulturkreise hinaus verstanden wird und Verständnis sowohl einfordert als auch bewirkt. Was zunächst als fremd betrachtet werden könnte, wenn z.B. die Glaubensgemeinschaft sich durch immer stärkeres Schaukeln in Trance betet, nimmt in einem Vergleich auf abstrakterer Ebene dann keinen Sonderplatz mehr ein, wenn dies als Rahmen Mittel zum Zweck wird für eine so menschliche und alte Geschichte wie die des Muharrem. 2007-11-12 16:23

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