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Ex Drummer

B 2007. R,B: Koen Mortier. K: Glynn Speeckaert. S: Manu Van Hove. P: CCCP, Czar u.a. D: Dries Van Hegen, Tristan Versteven, Sebastien Dewaele, Bernadette Damman u.a.
104 Min. Legend Films ab 15.11.07

Und wieder sehen wir betroffen…

Von Carsten Tritt Das Hollywoodsche Sozialmelodram beschränkt sich gerne darauf, in Hochglanz à la I Am Sam auf die Tränendrüse zu zielen, das tatsächliche soziale Bewußtsein der Filmemacher reduziert sich dann auf in Interviews aufgesagte Textbausteine. Die europäische Ausrichtung genügt sich solchermaßen nicht, sondern versucht, behauptete eigene Wahrhaftigkeit durch Inszenierung wahrhaftiger Bilder zu belegen. Aus falsch verstandenem Neorealismus werden so Programmkinobesucher, denen das dargestellte Milieu so fremd ist wie eigentlich auch dem Regisseur, einem sich selbst zu wichtig nehmenden Betroffenheitsgenre ausgesetzt. Dabei ist doch schon seit Sturges Sullivan’s Travels bekannt, daß die einzige bleibende Relevanz von Filmen wie Fette Welt und Engel + Joe der Platz in den Filmarchiven sein wird, den die Kopien wegnehmen. Man könnte einwenden, daß es auch gelungene Sozialstudien gibt. Mortier kommt aber aus einem Land, dessen derzeitiger filmischer Hauptexport die Werke der Dardenne-Brüder sind, und so tat ein solcher Rundumschlag, wie ihn Ex Drummer vornimmt, besonders Not.
Dries Van Hegen, Romanautor und zugleich Filmebenbild des Autors der Romanvorlage von Ex Drummer, schließt sich als Schlagzeuger einer Punkrockband dreier behinderter Asozialer an. Seine Bandkollegen sind für den Schriftsteller freilich nur Stofflieferanten, und seine Selbstinszenierung als »einer von denen« bleibt bloße Attitüde. Mortier inszeniert den überlegenen Blick eines Bildungsbürgers auf die soziale Unterschicht, die tatsächlich so weit entfernt ist, daß sie zur Metaebene aus Klischees und Übertreibungen wird: Etwa Jan Verbeek, der schwule Bassist mit dem steifen Arm, lebt mit seiner dicken Mutter, die ihre Glatze unter einer billigen Perücke versteckt, im heruntergekommenen Haus, in welchem der Vater ans Bett festgebunden und eingesperrt ist, damit er nicht davonläuft.

Das Auftreten des Schriftstellers wird dabei zur Vorstufe der Schaulust des Publikums. Abgesehen von einigen Ausflügen ins Mätzchenhafte gelingt es Mortier, diese Mechanismen der Sozialpornographie mit deren eigenen Mitteln bloßzustellen, etwa als Dries den tauben Gitarristen Ivan van Dorpe besucht. Von der Einstellung des sich umschauenden Dries wird klassisch auf das Interessanteste in der Wohnung geschnitten: auf Ivan van Dorpes kleines Kind, das mit fachgerecht dreckig geschminktem Gesicht durch die zugemüllte Wohnungskulisse tappst. Dries selbst bleibt seinem Hochhausappartement verhaftet, aus welchem er auf Ostende herabschaut wie Rapunzel von ihrem Turm, nur daß Dries sich seinen Turm mit seiner attraktiven Freundin teilen darf.

Wenn die Geschichten zu Ende erzählt sind, der Schlagzeuger also wieder aus der Band raus ist, entledigen sich Dries Van Hegen und Koen Mortier folglich in einem Finale von grotesker Lieblosigkeit der nun wertlos gewordenen Figuren, werfen quasi die nur auf dem Drehbuchpapier existierenden Personen eine nach dem anderen in den Papierkorb, nicht ohne daß sich alle noch einmal mit einem direkt an den Zuschauer gesprochenen Statement verabschieden dürfen. Beim Zusammenfassen von Ex Drummer in solcher Kürze fällt jedenfalls auf, daß er im Unterschied zum Sozialdrama wohl tatsächlich eine Zielgruppe anspricht, die seinen zentralen Gegenstand bildet und hierbei in seiner Deutlichkeit keine Fragen offen zu lassen gedenkt. 2007-11-12 16:22

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