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Von Löwen und Lämmern

Lions for Lambs. USA 2007. R: Robert Redford. B: Matthew Michael Carnahan. K: Philippe Rousselot. S: Joe Hutshing. M: Mark Isham. P: Andell Entertainment, United Artists u.a. D: Robert Redford, Meryl Streep, Tom Cruise, Andrew Garfield u.a.
94 Min. Fox ab 8.11.07

Freies Kino

Von Martin Thomson Robert Redfords Filme sind für sich genommen weit davon entfernt, als Meisterwerke bezeichnet werden zu können, aber dennoch hat sich sein künstlerisches Schaffen zu einer festen Größe im zeitgenössischen amerikanischen Kino etablieren können. Das liegt vor allem daran, daß seine Werke, ganz gleich wie pathetisch sie in Szene gesetzt sind, etwas sehr Konkretes über Werte, Entwicklung und Verantwortung zu vermitteln wissen. Darüber mögen Anhänger eines gemeinhin zynischen Zeitgeistes verächtlich die Nase rümpfen, sie verkennen jedoch, daß sich hinter den aufgeladenen Gefühlen und Gesten in Redfords Filmen doch ein hochsensibles Empfinden gegenüber Welt und Menschsein verbirgt. Diese romantischen Figuren aus einer scheinbar anderen Welt, die Golfer, die Fliegenfischangler oder die Pferdeflüsterer aus seinem unverrückbaren Figurenfundus; das sind vor allen Dingen Idealisten, die, angesichts dessen, was sie ganz konkret verkörpern, von der menschlichen Freiheit an sich erzählen.

Robert Redford ist kein politischer Filmemacher. Diese Tatsache erweist sich für sein aktuelles Werk Von Löwen und Lämmern als Glücksfall, denn es ist nicht sein Bestreben, Zusammenhänge und Fragestellungen vor dem Hintergrund der gegenwärtigen US-Politik innerhalb der Vorgaben eines spannungsgeladenen Polit-Thrillers auszuloten, wie es viele vor ihm gemacht haben; viel eher wagt er sich mit Hilfe eines hervorragenden Drehbuchs und eines durchweg brillanten Schauspielensembles an eine gänzlich neue Herangehensweise, in dem er etwas tut, was im öffentlichen Diskurs viel zu selten betrieben wird: Er differenziert, und zwar auf eine Weise, daß die unterschiedlichen Blickwinkel der Charaktere gleichberechtigt und für sich genommen nachvollziehbar erscheinen. Indem er sich ganz und gar auf die Schlichtheit der Spielszenen und die unmittelbare Disposition der Charaktere konzentriert, die in den einzelnen Episoden, zumeist innerhalb eines Raumes aneinandergeraten, gelingt es ihm, das widersprüchliche Spektrum der amerikanischen Gesellschaft aufzufächern. In der Episode um den erfolgsorientierten, ultrakonservativen Senator Jasper Irving und der ehemals liberalen Journalistin Janine Roth etwa, legt Redford die Abhängigkeit der beiden in einem Rechtsstaat voneinander getrennt gedachten Organe Presse und Staat offen, während die Episode um Professor Stephen Malley und seinem Studenten Todd um die individuelle Verantwortung im Angesicht einer Gesellschaft im Kriegszustand kreist. Im Zentrum, das heißt zwischen diesen beiden Handlungspfeilern, wird eine Schlacht in Afghanistan dargestellt, in der es auf besondere Weise um die beiden Soldaten Arian und Ernest geht. Die wiederum sind vormals Studenten von Malley gewesen und geraten innerhalb einer Operation, die Irving auf politischer Ebene eingeleitet hat, unter Beschuß.

Es ist überraschend, wie viel Spannung Redford aus diesen exakt vorgetragenen Kammerspielsituationen gewinnt und wie komplex die Erkenntnisse letztlich ausfallen, die sie hervorbringen. Wer Amerika angesichts seiner gegenwärtigen Krise, aber auch ganz allgemein, begreifen will, der wird in Von Löwen und Lämmern eine ganze Reihe von Antworten ausfindigmachen, aber letztlich, weil Redford den Spielraum so weit offenläßt, vor allen Dingen seine ganz eigenen finden können. 2007-11-06 16:21
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