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Abbitte

Atonement. GB 2007. R: Joe Wright. B: Christopher Hampton. K: Seamus McGarvey. S: Paul Tothill. M: Dario Marianelli. P: Working Title Films. D: Keira Knightley, James McAvoy, Romola Garai, Brenda Blethyn, Vanessa Redgrave u.a.
110 Min. Universal Pictures ab 8.11.07

Erwartete Wendung

Von Eva Tüttelmann Kindliche Unbefangenheit gehört zu jenen Gaben, von denen wir uns früh und unwiderruflich verabschieden müssen. Es ist der schmerzliche Verlust eines Gefühls von unerschütterlicher Sicherheit, von einer Welt, in der Realität und Imagination miteinander verschmelzen dürfen und in der die Konsequenzen des eigenen Handelns von anderen aufgefangen werden. Briony wächst nicht in einer solchen Welt auf. Im England der späten 1930er Jahre verlebt sie eine Kindheit, die regiert wird von Etikette und Anspruch. Hier gibt es keinen Platz für Unbefangenheit und Fantasie. Aber Briony hat sich ein geniales Ventil geschaffen: Sie schreibt. Bereits als Dreizehnjährige verfaßt sie Kurzgeschichten und kleine Theaterstücke, in denen sie ihre Persönlichkeit, ihre Ängste und Wünsche ausleben kann. Niemand ermahnt sie, niemand ruft sie zur Vernunft, denn sie allein bestimmt über ihre Fiktion. Doch ihre Lösung hat einen Haken: Ein wohlbehütetes Kind lernt nach und nach, daß Realität und Imagination sich stark unterscheiden, und daß Verantwortung und Bedachtheit für das »echte« Leben unverzichtbar sind. Bei Briony ist es anders. Die Grenzen beider Ebenen verschwimmen, und so kommt es, daß Briony an der Schwelle zum Erwachsenwerden einen Fehler begeht, der sie für immer begleiten wird und dessen Konsequenzen sie lebenslang büßen muß.

Perspektivenwechsel und Zeitsprünge ermöglichen es Joe Wright, die Geschichte der beiden Schwestern Briony und Cecilia zu erzählen, ohne daß klassisches Schwarzweiß-Zeichnen die Sympathien des Zuschauers vergiftet. Als die Leben der beiden Mädchen beginnen, in unterschiedliche Richtungen zu verlaufen, trennen sich auch die beiden Erzählstränge, und Brionys Version der Geschichte rückt in den Vordergrund des Films. Das Tippen auf der Schreibmaschine, das von nun an immer wieder den Score begleitet, läßt erahnen, daß die Diskrepanz zwischen Realität und Fiktion, die sich bereits durch Brionys Kindheit zog, nun auch die Erzählebene des Films erreicht hat.

Nachdem Wright bereits Jane Austens Stolz und Vorurteil erfolgreich auf die Leinwand gebracht hat, arbeitet er diesmal nach einer Romanvorlage des Briten Ian McEwan. Fesselnde, sogartige Bilder und beeindruckende Detailnähe kennzeichnen die stark besetzte Literaturverfilmung. Auffallend lange Einstellungen erzeugen eine schmerzliche Intensität, die körperlich spürbar zu werden scheint, sind es doch Bilder, welche die unerträgliche Bürde der Schuld, die auf Brionys Schultern lastet, veranschaulichen. Einen besonders außergewöhnlichen Effekt bewirkt Wrights Mut zur Stille: Abbitte verfügt über einen gelungenen Score, dennoch wirkt der Film nicht, wie viele andere vor ihm, erschlagen von Musik und Soundeffekten. In den Schlüsselmomenten des Films setzt er auf absolute Stille. Wo sonst der Score die Stimmung vorgibt, ist man mit seinem Gefühl plötzlich ganz allein, was sowohl den Bildern als auch den Schauspielern ungewohnten Nachdruck verleiht. James McAvoy glänzt durch seine subtile Charakterzeichnung des unschuldig Verurteilten, und Romola Garai überzeugt durch stilles, kraftvolles Spiel.

Die Auflösung der Geschichte, auf die Wright von Anfang an verweist, wirkt stockend, obgleich die Idee fasziniert. Manche Wendungen funktionieren im Schriftmedium wunderbar und eignen sich einfach nicht optimal für eine audiovisuelle Umsetzung. Vielleicht ist es aber auch ein Fehler, den Zuschauer so früh auf die richtige Fährte zu locken, denn ein Twist, der nicht mehr zu überraschen vermag, wirkt zäh und hinterläßt einen faden Nachgeschmack. Indem er nämlich so deutlich auf das Ende verweist, nimmt Wright dem Zuschauer nichts Geringeres als seine Unbefangenheit. 2007-11-05 13:18
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