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Liebesleben

D 2007. R,B: Maria Schrader. B: Laila Stieler. K: Benedict Neuenfels. S: Antje Zynga. M: Niki Reiser. P: X Filme, Transfax Film. D: Neta Garty, Rade Serbedzija, Stephen Singer u.a.
113 Min. X Verleih ab 8.11.07

Die Liebe als Käfig

Von Esther Buss Das Herausragende an Zeruya Shalevs Roman Liebesleben ist seine radikale Ich-Perspektive. Durch atemlose Satzketten – ein dichtes Gemisch aus Gedanken, sinnlicher Wahrnehmung und chaotischem Überschuß – wird man direkt in die Innenwelt der weiblichen Hauptfigur katapultiert und nimmt unmittelbar teil an ihrem Amour-fou-Trip. Der Film kann diese Form extremer Subjektivität natürlich nicht wiedergeben. Will man der Figur zusehen, muß man zwangsläufig aus ihr heraus, ihr Innenleben nach außen hin sichtbar machen.

Maria Schraders visuelles und inszenatorisches Konzept erscheint auf den ersten Blick vielleicht naheliegend, ist aber doch etwas einseitig und letztlich auch zu einfach gedacht. Jara, eine dreißigjährige Akademikerin, die sich in der erotischen Beziehung zu Arie, dem viele Jahre älteren Freund ihres Vaters, ausliefert und verliert, bewegt sich durch den Film wie ein aufgescheuchtes Huhn oder respektvoller gesagt, wie ein Vogel, der sich in einem geschlossenen Raum verfangen hat. Dieses symbolisch recht einfältige Bild wird tatsächlich mehrmals bemüht, um Jaras kompliziertes Hineingeraten in »etwas« zu beschreiben, das sie selbst gar nicht genau benennen kann. Es hat mit Macht, Begehren und Unterwerfung zu tun und mit der Geschichte ihrer Eltern, die wiederum eine Verbindung hat zu Arie, dem gefühlsgesättigten, aber doch irgendwie anrührend melancholischen Lover.

Die Kamera folgt Jaras fahrigen und oft abrupten Bewegungen, sie ist fast immer in Aktion, nimmt ungewöhnliche Perspektiven ein, sucht das Detail, es gibt Unschärfen, und nicht zuletzt erzeugt der Sound ihres aufgeregten Atmens eine Atmosphäre permanenter Beunruhigung. Das Motiv der Rastlosigkeit wird dabei leicht überstrapaziert, und die Bilder verlieren sich immer wieder in Manierismen. Unaufhörlich schreitet der Auflösungsprozeß der Hauptfigur voran, umso überraschender und geradezu kathartisch hat sich am Ende ihre Identitätsfindung vollzogen. Das Geheimnis ihrer Familie, deren neurotische Übersprungshandlungen und krasse Verdrängungsleistungen zu den interessanteren Beobachtungen in diesem Film gehören, ist ans Licht gebracht, damit hat Jara ihr Leben wieder in der Hand. So einfach und tröstlich ist das. Und der Vogel findet schließlich auch noch seinen Weg in den Himmel. 2007-11-05 13:03

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #48.
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