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Jindabyne – Irgendwo in Australien

Jindabyne. AUS 2006. R: Ray Lawrence. B: Beatrix Christian. K: David Williamson. S: Karl Sodersten. M: Paul Kelly, Dan Luscombe. P: April Films, Red Chair Films u.a. D: Laura Linney, Gabriel Byrne, Deborra-Lee Furness, John Howard u.a.
123 Min. Sony ab 1.11.07

Fluß ohne Wiederkehr

Von Sebastian Gosmann »So much water so close to home«, so lautet der Titel der 1977 veröffentlichten Kurzgeschichte von Raymond Carver, die erstmals 1993 in Robert Altmans Episodenreigen Short Cuts filmisch aufbereitet wurde. Nun nimmt sich der Australier Ray Lawrence des Sujets an. Drei befreundete Männer fahren hinaus in die Wildnis und entdecken während ihres alljährlichen Angelwochenendes eine Frauenleiche im Wasser. Doch anstatt unverzüglich den kilometerlangen Weg zurück zum Auto anzutreten und den Fund zu melden, befestigen sie die Leiche am Ufer und gehen zunächst weitere zwei Tage ihrem Hobby nach, bevor sie schließlich am Sonntagabend die Polizei verständigen. Während sich die Empörung über das Handeln der Männer bei Altman – wie so oft bei ihm – im Absurden verliert, entwickelt sich Jindabyne unaufhaltsam zum handfesten Psychodrama, welches mit einer fast beängstigenden Tiefe nicht nur die Gemütslagen der Protagonisten selbst ergründet, sondern auch die tiefen Risse in deren Beziehungen untereinander. Dazu löst er sich immer wieder von seinem Ensemblefilm-Charakter und konzentriert sich ganz auf das moralische Zerwürfnis zwischen Stewart und Claire, deren Ehe durch die Geschehnisse am Fluß in ihren Grundfesten erschüttert wird. Wie konnte Stewart am Abend der Rückkehr nur Sex mit ihr haben? Warum hatte ihr Mann in dieser Nacht keinerlei Mitteilungsbedürfnis verspürt? Stewart hingegen vermag die Tragweite der Gemeinschaftstat nicht zu erfassen, versteht nicht, was daran so verwerflich sein soll. Das Mädchen war schließlich schon tot! Gabriel Byrne und Laura Linney dürfen sich in diesen Rollen so richtig in Rage spielen, und das mit einer atemberaubenden Intensität. Mit der Entscheidung für eine Aborigine als Mordopfer erhält der australische Film noch eine zusätzliche, ethnische Dimension, welcher der Regisseur wunderbar unaufgeregt begegnet. Leicht ist es, Jindabyne als Allegorie auf den Umgang des weißen Mannes mit den Eingeborenen seit der Kolonialisierung des roten Kontinents zu verstehen. Und so ganz kann man sich dieses Eindrucks nicht erwehren, wenn man bedenkt, daß es ein alter, hellhäutiger Mann ist, der das Leben des Mädchens auf dem Gewissen hat. Neben der politischen Komponente scheint Lawrence aber auch die mit dem Volk der Aborigines verbundenen Glaubensmythen zu faszinieren, derer er sich geschickt bedient, um seinem Film von Beginn an eine beklemmende, unheimliche Aura zu verleihen. Daß dieses komplexe und vielschichtige Werk thematisch letztlich doch ein wenig überladen wirkt, ändert jedoch nichts an seiner eigenwilligen Klasse. 2007-10-29 14:14

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #48.
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