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It's Winter

Zemestan. IR 2005. R,B: Rafi Pitts. K: Mohammad Davoodi. S: Hassan Hassandoost. M: Hossein Alizadeh, Mohammad Reza Shajarian. P: AMA Media. D: Ali Nicksolat, Mitra Hadjar, Hashem Abdj, Said Orkani u.a.
86 Min. Peripher ab 1.11.07

Frühlingswarten

Von Arezou Khoschnam Iranische Filme sind nicht selten eine Kombination aus melodramatischer Musik und übertriebener Bildsymbolik. Das trifft gleichermaßen auf die Filme zu, die für das Massenpublikum produziert werden, wie auf diejenigen, die sich in regelmäßigen Abständen auf internationalen Festivals die Klinke in die Hand geben. Und auch It’s Winter trägt den Nominierungsstempel des Goldenen Bären der Berlinale 2006, markiert inszenatorisch allerdings eine der wenigen Ausnahmen. Das Sozialdrama kommt ohne die typische Symbolsprache aus und vermeidet konsequent ein Abrutschen in die Kitschebene, auf der sich eine Vielzahl iranischer Filmhandlungen bewegt.

Rafi Pitts vierter Spielfilm offenbart sich in und durch seine Schlichtheit. Die ruhige Kamera präsentiert dem Zuschauer Standbilder mit tiefen Fluchten, die wenige Schnitte erlauben, gewährt totale Blicke auf schneebedeckte Landschaften mit kahlen Ästen, abrißreifen Häusern und Eisenbahnschienen, und irgendwo in diesem kalten Stilleben sind Menschen zu sehen, die von ihrer Umgebung förmlich verschluckt werden. Sie sind ständig in Bewegung. Auf der hoffnungslosen Suche nach Arbeit, auf dem mühseligen Weg zur Arbeit oder auf ihrem Nachhauseweg stapfen sie durch den knöchelhohen Schnee. In diesem grauen Alltag ist kein Platz für Freizeit. Die Gedanken kreisen stets darum, die Grundbedürfnisse zu stillen. Leben ist woanders.

Die Parabel spielt in einer Stadt im Süden des Landes, in die es den aus dem Norden stammenden jungen Marhab verschlägt. Er ist planlos, aber voller Zuversicht auf eine Anstellung als Mechaniker, bis er mit der harten Realität konfrontiert wird. Als er durch seinen neuen Freund schließlich eine Arbeit findet, kämpft er vergeblich um seinen Lohn und landet am Ende wieder auf der Straße, ohne Geld, ohne Arbeit. Dabei bedeutet sein Name soviel wie »der Willkommene« – welch leise Ironie. Marhab hat Hoffnungen und Träume, er will nicht nur schuften, sondern sein Leben genießen. In diesem Film ist er der andere, der nicht so recht in das System paßt. Lenken wir aber unseren Blick auf die Wirklichkeit im Iran, ist er nur einer von vielen. Nicht die Figur Marhab steht im Mittelpunkt des Films, sondern die Menschen, denen es ähnlich ergeht wie ihm, und davon gibt es nicht wenige.

»Was nützt es, etwas zu lernen, wenn du am Ende doch keine Arbeit findest?« Mit diesen einfachen Worten verleiht Marhab seinem Kummer Ausdruck. In diesen kurzen, aber sehr intensiven Augenblicken, in denen er sich ausspricht, verweilt die Kamera auf ihm, hört der Zuschauer ihm zu, da dieser sich angesprochen fühlt. Wenn nach einer Weile erst der Schnitt einsetzt und eine weitere Figur zu sehen ist, entpuppt sich der vermeintliche Monolog als Dialogsituation und diese dokumentarischen Momente verschmelzen mit dem übrigen Handlungsfluß zu einem Bild, das dem Verständnis von Trostlosigkeit seine visuelle Entsprechung bietet.

Gesprochen wird nicht viel. Wozu auch? Es ist bereits vieles gesagt und getan worden, um eine Änderung der politischen Lage im Iran herbeizuführen. Seit fast drei Jahrzehnten nun setzen sich die iranische Jugend sowie Intellektuelle im Land mit Körper und Geist für ihre eigenen Rechte ein, ohne daß ihre Bemühungen langfristig gefruchtet hätten. Wo keine individuelle Freiheit oder Entfaltung möglich ist und der Alltag einem Teufelskreis aus Ungerechtigkeit und Stillstand gleicht, wird das umschwärmte Ausland zur einzigen Alternative. Auch unser Seelenverwandter Marhab spielt mit dem Gedanken, der Heimat den Rücken zu kehren. Die Antwort auf diese Frage bleibt uns der Regisseur allerdings schuldig. Diese Entscheidung muß jeder für sich selbst treffen.

Die äußerst subtile Inszenierung wirkt, ohne je aufdringlich zu sein, sie ist poetisch, ohne auch nur ein einziges Mal rührselig zu werden. Rafi Pitts Film ist sicherlich viel zu zurückhaltend, um vom iranischen Publikum als gesellschaftspolitischer Aufruf verstanden zu werden, doch die Botschaft ist eindeutig: Es ist längst Zeit für einen Jahreszeitenwechsel! 2007-10-29 14:14

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