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Ich habe euch nicht vergessen

I Have Never Forgotten You: The Life and Legacy of Simon Wiesenthal. USA 2007. R: Richard Trank. B: Richard Trank, Rabbi Marvin Hier. K: Jeffrey Victor. S: Inbal B. Lessner. M: Lee Holdridge. P: Moriah Films.
105 Min. Polyband ab 1.11.07

Der Kampf gegen Windmühlen

Von Lena Werle Um das Wirken und Mühen eines Simon Wiesenthal auch nur annähernd begreifen zu wollen, wäre vermutlich ein Gang durch die Reihen seines 1946 angelegten und seitdem stetig wachsenden Dokumentationszentrums der beste Weg. Akribisch werden dort Informationen gesammelt, die Auskunft über Täter und Tatorte der NS-Zeit geben – der Beleg einer Arbeit, die Wiesenthals Leben von dem Moment seiner Befreiung aus dem Konzentrationslager Mauthausen bis zu seinem Tod im Jahr 2005 bestimmte.

Der durch Richard Trank und Co-Autor Rabbi Marvin Hier gemeinsam mit dem Simon Wiesenthal Center initiierte Dokumentarfilm Ich habe Euch nicht vergessen macht nun den Versuch, seine Lebensstationen auch für die Nachwelt festzuhalten. Bemüht, einen umfassenden Einblick in das Wesen und Werk des als »Nazi-Jäger« titulierten Wiesenthal zu gewähren, startet der Dokumentarfilm (erzählt von Iris Berben, im englischen Original von Nicole Kidman) mit seiner frühen Kindheit in Buczacz, Galizien (damals zu Österreich-Ungarn, heute zur Ukraine gehörend). Er berichtet von seiner Zeit als Student in Prag und Lemberg und dem jähen Ende seines Lebens als Architekt im ukrainischen Lvov durch den Einmarsch der Wehrmacht. Wiesenthals Erfahrungen in deutscher Gefangenschaft, die mit der Befreiung beginnende verzweifelte Suche nach seiner Frau und Familie und schließlich sein Bemühen, auch 60 Jahre nach Kriegsende das Vermächtnis derer zu wahren, die die Schreckensherrschaft der Nazis nicht überlebten, stehen im Zentrum des Dokumentarfilms.

Mit Hilfe von Archivmaterial, Fotographien, Nachrichtenmontage und Interviews mit Freunden, Verwandten, Arbeitskollegen und Regierungschefs zeichnet der Film das Bild eines Mannes, der nach seinen Erfahrungen aus zwölf deutschen Konzentrationslagern und mit der Gewißheit, nach Kriegsende fast alle seine Angehörigen verloren zu haben (bis auf seine Frau, die er durch einen gefälschten Paß vor den Nazis retten konnte) die Motivation und Kraft fand, unermüdlich für Gerechtigkeit einzutreten – konkret hieß das: Suche nach flüchtigen NS-Tätern, Sammeln von Informationen und Einwirken auf Staatsanwälte und zuständige Politiker, um Gerichtsverfahren in Gang zu bringen. Sein anfangs vielerorts als utopisch gesehenes Vorhaben zeichnete sich innerhalb kürzester Zeit durch hohe Effizienz aus: Mehr als 1.000 NS-Verbrecher wurden unter seiner Mitwirkung vor Gericht gestellt, darunter der deutsche Holocaust-Planer Alfred Eichmann, Karl Silberbauer, der in Amsterdam Anne Frank verhaftet hatte, und der Kommandant des Vernichtungslagers Treblinka, Franz Stangl.

Der Film bemüht sich, parallel zu diesen sehr detailliert beschriebenen Erfolgsgeschichten die Auswirkungen auf sein Privatleben aufzuzeigen – machte sich Wiesenthal doch in seiner österreichischen Wahlheimat mit seiner aggressiven Vorgehensweise nicht nur Freunde. In Interviews mit seiner einzigen Tochter Pauline berichtet diese von einer isolierten Kindheit. Auch seine Frau Cyla beschreibt in Filmaufnahmen, wie sehr sie unter Wiesenthals Kompromißlosigkeit bezüglich ihres nie erfüllten Wunsches, ihrer Tochter und deren Familie nach Israel zu folgen, gelitten habe. Selbst nach einem Bombenanschlag rechtsextremistischen Hintergrunds im Jahr 1982 wich Wiesenthal nicht aus Wien: »A soldier does not leave the battlefield«, erklärte er sich.

Zu den Stärken des Films gehören die Szenen, die Simon Wiesenthal in Interviews und am Rednerpult zeigen: einen Mann, der oft aussieht, als finge er gleich zu weinen an; der vor Publikum gleichzeitig jedoch so kraftvoll im Ausdruck und präsent in seiner Erscheinung ist, daß man sich fragt, wo er mit neunzig Jahren diese Energie hernahm. Man entdeckt genau in diesen Szenen die treibende Kraft und den Ansporn – seiner Aufgabe, Wiesenthals Botschaft für Gerechtigkeit auch nach seinem Tod mit Leben zu füllen, kommt der Film hier am besten nach.

Geradezu störend wirken jedoch die viel zu häufigen Rückgriffe auf die typischen Horrorbilder des Holocaust: Wiesenthals bewegende Schilderungen allein hätten genügt, dem Zuschauer eine ausreichende Vorstellung seiner Erlebnisse zu geben. Stattdessen rücken die Filmemacher die visuelle Kraft der KZ-Bilder in den Vordergrund, untermalen das Ganze mit viel zu sentimentaler Musik und einer zerbrechlichen, weiblichen Erzählstimme. »Do not turn me into a hero!«, bat Wiesenthal in einer seiner letzten Reden und machte gleichzeitig deutlich, wie sehr er Bezeichnungen wie »jüdischer James Bond« oder »Don Quixote« ablehnte, nannte er sich selbst doch einfach Überlebenden, Rechercheur und Kriminalist. Diese Details gehören in den Vordergrund gerückt, anstatt die Ausrufezeichen an der falschen Stelle zu setzen – viel zu sehr scheint der Film darum bemüht, Wiesenthal als liebenswerten, humorvollen Privatmenschen darzustellen und dabei aber dennoch nicht der alleinigen Wirkung seiner kraftvollen Erscheinung zu vertrauen. 2007-11-05 18:55
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