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En la Cama

RCH 2005. R: Matías Bize. B: Julio Rojas. K: Christián Castro, Gabriel Díaz. S: Paulo Talloni. M: Diego Fontecilla. P: Ceneca Producciones. D: Blanca Lewin, Gonzalo Valenzuela.
85 Min. Farbfilm Verleih ab 25.10.07

Das Zimmer, das Bett, der Körper, die Seele

Von Martin Thomson Filme, die in einem Raum spielen, sind gegenüber Filmen, die über eine große Anzahl an Ortswechseln verfügen, der Schwierigkeit ausgesetzt, doppelt überzeugen zu müssen; zum einen sollten die Charaktere so interessant sein, daß sie so etwas wie Dramaturgie durch ihre Präsenz überflüssig machen, und zum anderen muß das geringe Repertoire an Perspektivwechseln in der Enge eine Beweglichkeit simulieren, die sonst durch Handlungs- und Ortswechsel bedingt wird. Das Echtzeit-Kino verlangt also nach einer Glaubwürdigkeit, über die sich beim gängigen Film schon mal hinwegschauen läßt. Dort entscheidet letztlich nur, was dem Kontext dienlich ist. Bei einem Echtzeit-Film, der sich auf einen engen Raum beschränkt, ist der Raum jedoch der Kontext selbst. Aus dem Umstand, daß er die Protagonisten innerhalb der von ihm vorgegebenen Grenzen beherbergt, resultiert das Geschehen. Der Raum komprimiert die Handlungen innerhalb dieser Grenzen zu einer Wahrheit, die ganz dort ist, wo sie gezeigt wird. Eine Negation der gängigen Vorstellungen von Film; denn üblicherweise erzwingt das Medium aus dem Umstand seiner Optionalität Spannung. Der Raum wird also zu dem, was dem gängigen Film die Einstellungsgröße selbst ist; an den Rändern ist all das, was das Bild selbst bedingt, aber nicht zeigt. In En la Cama bedingt das Geschehen außerhalb des Hotelzimmers, was darin vonstatten geht und schlüsselt es in einander kongruente Einheiten auf: das Zimmer, das Bett, der Körper, die Seele. Soweit die interessante Grundidee, auf die En la Cama zu bauen versucht.

Matías Bize’s zweite Regiearbeit nach seinem Achtungs-Erfolg Sábado – Das Hochzeitsvideo beginnt in einem Gewirr aus Sexlauten. Aus weißen Stofflaken lugen im Gegenschnitt zum totalen Schwarz kurzzeitig Körperteile hervor, Beine, Hände, Füße, gar Geschlechtsteile sind für Sekundenbruchteile zu verorten. Hier wird erstmal mit der Universalität des Sex an sich gespielt, denn Gesichter sind nicht auszumachen, und es fehlt sowohl an einer erklärenden Einleitung, die Aufschluß über die Beweggründe des Beischlafs verschaffen würde als auch über eine räumliche Übersicht, aufgrund derer sich zumindest Vermutungen anstellen ließen. En la Cama beginnt also damit, daß er sein Publikum in eine voyeuristisch gesehen anregende Ungewißheit wirft, in der sich die Reduktion auf das Sexuelle passend zur Tatsache verhält, daß die beiden Geschlechtspartner einen One-Night-Stand miteinander vollziehen. Der Leidenschaft und Ungezügeltheit dieser ersten Situation folgt die ernüchternde Realität: Ohne einander zu kennen, tasten sie sich unsicher auf dem Terrain ihres Gegenübers vor, überprüfen, ob sich der sexuelle Akt um ein sinnvolles Gespräch erweitern läßt oder doch nur auf sich selbst beschränkt bleiben wird. Das Gespräch aus Unwissenheit funktioniert jedoch; denn Bruno und Daniela können teilen, was in langwierigen Beziehungen von Karriere, Ängsten und gesellschaftlichen Zwängen getrübt wird und gelangen dadurch an eine Intimität, die paradoxerweise nur dort möglich scheint, wo sie keine Zukunft mit einschließt.

En la Cama zeichnen vor allem seine realistisch aufbereiteten Sexszenen aus. Jene entstehen zwischen den Figuren beinahe beiläufig, und statt von zahllosen Schnitten unterbrochen zu werden, ist die beweglich bleibende Kamera, im buchstäblichen Sinne, immer hautnah dabei; weder mit der provozierenden Offenheit eines Larry Clark, noch mit der verschämten Zurückhaltung eines gängigen Hollywoodfilms. Dieser Umstand erweist sich für die Offenheit, die der Film zu erzielen versucht, äußerst adäquat und steht doch im krassen Gegensatz zu den Klischees, die sich im Fortlauf des eineinhalbstündigen Seelen-Striptease in den Dialogen einschleichen. Statt sich nämlich der Gefahr auszusetzen, daß die Hauptcharaktere aufgrund ihrer allzu alltäglichen Sorgen und Probleme langweilen, legt ihnen Julio Rojas’ Drehbuch Offenbarungen über schlagende Ehemänner und Bulimie in den Mund, die der an sich schlichten Grundsituation einen Aspekt beimischen, der leider reichlich aufgesetzt wirkt. Andererseits ist dieses Vorgehen nicht unnachvollziehbar, denn spätestens nach der ersten Hälfte wirkt die Grundidee ausgereizt und die zu Beginn so interessant erscheinende Ungewißheit um so viele Informationen über die Biographie der Charaktere ergänzt, daß die Neugier an ihnen verronnen ist. Spätestens dann, wenn auch der Film sich auszuziehen beginnt, ist jede Magie verlorengegangen, und es kommt letztlich nur die nackte und ernüchternde Substanzlosigkeit zum Vorschein. 1970-01-01 01:00

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