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Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford

The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford. USA 2007. R,B: Andrew Dominik. K: Roger Deakins. S: Dylan Tichenor, Curtiss Clayton. M: Nick Cave, Warren Ellis. P: Warner Bros., Scott Free Prods., Plan B. D: Brad Pitt, Casey Affleck, Sam Shepard, Mary-Louise Parker u.a.
156 Min. Warner ab 25.10.07

Reprint the Legend

Von Martin Holtz Das Stereoskop war im 19. Jahrhundert einer der vielen Vorläufer des Kinos. Durch eine Linse betrachtet verschmelzen zwei Bilder zu einer dreidimensionalen Illusion der Realität. Dabei ist nur das Zentrum des Bildes fokussiert. Zu den Rändern hin dominiert die Unschärfe. Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford wird dieser Bildeffekt häufig von der Kamera (Roger Deakins) reproduziert. Der Film folgt damit der Tradition des Genrerevisionismus, indem er die Aufmerksamkeit der Zuschauer auf das Medium selbst richtet und wie es Realität verfremdet. Immer wieder beobachten wir das Geschehen mit den Augen anderer durch verzerrendes Fensterglas, lauschen der bewußt literarisch verschnörkelten Erzählstimme, die ganze Passagen aus der Romanvorlage übernimmt, und werden uns so der Subjektivität und Verdrehung in der Geschichtsschreibung bewußt.

Als der junge Robert Ford seinem Idol Jesse James stolz von seiner »Dime Novel«-Sammlung berichtet, die den brutalen Eisenbahnräuber zum Robin Hood des Wilden Westens stilisiert, erwidert dieser: »They're all lies, you know«. »Of course they are«, sagt Robert Ford, aber was macht das schon? Um es mit John Ford zu sagen: »When the legend becomes fact, print the legend«. Genau wie Ford in The Man Who Shot Liberty Valance versucht Regisseur Andrew Dominik, die Mechanismen der Legendenbildung zu durchleuchten. Wo Ford die Bedeutung von Mythen für die kulturelle Kohärenz einer Gesellschaft untersucht, konzentriert sich Dominik auf die psychologische Beziehung zwischen Star und Bewunderer.

Robert Ford ist auf der Suche nach Anerkennung. Von seinen Geschwistern verspottet, von den Gangmitgliedern ignoriert, versucht dieser Natural Born Loser sich im Ruhm des großen Jesse James zu sonnen. Über die genaue Beobachtung und bedingungslose Bewunderung seines Helden verspricht sich Ford, zumindest ein kleiner Teil der Legende zu werden. Als er einsieht, daß Bewunderung keine Anerkennung mit sich bringt, wählt er die Strategie der Legendenzerstörung. Casey Affleck spielt bravourös mit erstickter, fast weinerlicher Stimme den zwischen Unterwürfigkeit und unterdrückter Seelenpein pendelnden Charakter.

Jesse James ist auf der Suche nach Unsterblichkeit. In ikonenhaften Posen stilisiert sich der Outlaw zum gottgleichen Bestimmer über Leben und Tod seiner Opfer und bald auch Gangmitglieder. Doch auf Ruhm folgt Paranoia. Mit steigendem Kopfgeld wächst Jesses Angst vor dem Feind in den eigenen Reihen, und schließlich kommt die Einsicht, daß nur im Tod die Unsterblichkeit der Legende erreicht werden kann. Und so schwankt Brad Pitts Darstellung denn auch zwischen an Wahnsinn grenzender Egomanie und selbstmörderischer Resignation.

»I don't know if you want to be like me or if you want to be me«, wundert sich Jesse James über die Ergebenheit seines Schattens Robert Ford. Letztlich wird die Legende von seinem größten Bewunderer in den Rücken geschossen, der so selbst zur Legende werden will. Doch Robert Ford bleibt im Volksbewußtsein nur ein feiger Mörder, das traurige Gegenstück zu Fords Ransom Stoddard. Wie schon Samuel Fullers I Shot Jesse James vermittelt Dominiks Film die tragische Unbarmherzigkeit, mit der die Suche nach Anerkennung ins genaue Gegenteil umschlägt und Personenkult sich zerstörerisch verselbständigt. Doch mehr noch als in Fullers Film wird der psychologische Aspekt der Tragödie in den kulturellen Kontext des Phänomens Berühmtheit gesetzt. Am Ende wird auch Robert Ford Opfer seiner eigenen Berühmtheit. Der Mord an ihm bleibt aber nur eine geschichtliche Randnotiz, und auch in der Geschichtsschreibung dominiert zu den Rändern hin die Unschärfe. 2007-10-22 11:14
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