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Solange du hier bist

D 2006. R,B: Stefan Westerwelle. K: Bernadette Paaßen. S: Huynh-Trang Lam. M: Martin Lesniak. P: Kunsthochschule für Medien. D: Michael Gempart, Leander Lichti.
80 Min. Pro-Fun ab 25.10.07

Abschied auf Zeit

Von Christian Lailach Ich war schon eingeschlafen. / Läßt du mich denn trotzdem noch rein? … So, da bin ich. / Ja, dann. –– Der alte Mann schlägt das Bett zurück, fein säuberlich und akkurat. Er breitet ein Handtuch darauf aus, streicht es glatt. Der junge Mann legt sich nackt auf das Bett. Der Alte daneben, das Licht verstummt. Die Körper verschlingen sich schemenhaft.

Daß aus dieser sehr offenen und klaren Darstellung eine immer diffusere und künstlichere Situation wird, ist das zu diesem Zeitpunkt nicht Vorstellbare. Daß der Film bereits jetzt deine volle Aufmerksamkeit beansprucht, das kaum Fühlbare. In einem dialogarmen, im Grunde dialogfreien Raum entwickelt Westerwelle in seinem Abschlußfilm eine nahezu fortwährende Anspannung. Die anfängliche Einsamkeit des alten Mannes entwickelt sich zu einer für dich selbst erst spät erfahrbaren Beziehung zur Liebe, zum Leben, zu Erinnerungen. Die Szene vom Anfang wird die einzig konkrete bleiben – doch oder gerade deshalb wird das Lieben zu einem Gefühl der Einsamkeit stigmatisiert, schmerzhaft und fiktiv zugleich. Weil und wenn das Verlassenwerden das einzig Gegenwärtige ist, bleiben nur die Hoffnung und der Glaube als Tür zur Wirklichkeit – was doch wieder auf einen Gute-Welt-Film schließen läßt.

Das Kammerspielartige, das dunkle Haus, die Behutsamkeit der Einstellungen können die mitunter holprig aufgesetzt wirkenden Dialogfetzen fast als Eruption des Realen erscheinen lassen. Nur scheint ein wenig die Sentimentalität eines überzeugten Krankenpflegers hinter all dem zu stecken. Diese Überzeugung ist jedoch nicht nachhaltig, da Westerwelle viele Fragen aufwirft, sich selbst in Motiven auf der Tonspur verstrickt, um doch keine Antworten liefern zu müssen. Diese hätten, wenn, auch nur allzu oberflächlich und beliebig ausfallen können; sodaß das Minimalschauspiel in seinem reduziert besetzten, theatralischen Ausdruck lange später nur als solches haften bleibt. Dies jedoch im positiven Sinne, da die Zeit, die Vorbereitung und Ausführung sicher gekostet haben mögen, sich widerspiegelt im offensichtlichen Zwiespalt zwischen Kurz- und Langfilm. Diese Widersprüchlichkeit findet sich bei den Figuren gleichsam wie bei den Schauspielern: Jeder interpretiert das Gespielte auf seine eigene Weise, jeder anders und identisch zugleich.

Solange du hier bist wurde weltweit auf nahezu jedem schwulen Festival gezeigt und ist damit letztlich in eine Ecke gerückt, in die er doch gar nicht gedrängt werden wollte. Überall warm aufgenommen, bleibt ihm allein das, was er selbst nur zu gut beschreibt: Einsamkeit. 2007-10-22 11:11

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #48.
© 2012, Schnitt Online

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